Wolfgang Voigt

Natur in Alsdorf – ein naturkundlicher Spaziergang

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Teil 1: Einführung

 

Naturräumliche Fakten zum Alsdorfer Stadtgebiet

Das Klima des Aachener Raumes ist charakterisiert durch feuchte, kühle Sommer und milde Winter. Der atlantische Einfluss ist dabei unverkennbar. Die jährlichen Niederschläge betragen 750 bis 800 mm, wobei diese sich auf etwa 200 Tage verteilen. Allerdings gibt es von der Niederschlagsmenge her deutliche Schwerpunkte in den Sommermonaten. Aber auch im Winter treten gehäuft Niederschläge (meist als Regen) auf. Die durchschnittliche Zahl der Frosttage liegt bei 60, die der Eistage bei 12 je Winter. Die Temperaturmittel liegen im Großraum Aachen stets über dem Gefrierpunkt und erreichen im Januar + 1,5 Grad Celsius, im Juli ca. 17 Grad Celsius. SW-, W- und NW-Richtung ist bei den Winden dominierend. Mehr als die Hälfte der jährlichen Winde kommt aus diesen Richtungen, wobei die SW-Richtung den größten Anteil hat. Das Gebiet liegt also vornehmlich unter dem Einfluss von warmer, subtropischer Meeresluft aus Südwest und im Bereich kühler Meeresluft aus Nordwest. Kontinentale und arktische Luftmassen gewinnen meist nur vorübergehend an Einfluss.

Den Bereich Alsdorf muss man der Grundwasserlandschaft des Niederrheingebietes zuordnen. Rhein und Maas haben hier über tertiären Ablagerungen riesige Flussterrassen gebildet, indem sie mehrfach Materialien aufgeschüttet und sich in diese eingegraben haben. In der Hauptsache bestehen diese Terrassen aus Kiesen und Sanden. Sie gelten als gute Grundwasserleiter. Entsprechend ergiebig kann das Grundwasser sein, das meistens 20 Meter unter Flur, oft sogar 40 Meter unter Flur ansteht. Lediglich im Bereich des Broichbachtales kommt es nahe an die Oberfläche. Anders sieht es am Ostrand des Siedlungsgebietes aus. Hier liegt die frühere Grenze zum Braunkohletagebau, wo man ab 1956 das Grundwasser mit Hilfe mehrerer Brunnengalerien bis auf maximal 280 Meter unter Flur abgesenkt hat. Für den Ostteil Alsdorfs bedeutet das heute noch eine Absenkung um 20 Meter gegenüber 1955. Glücklicherweise wirkt sich der Effekt infolge geologischer Verwerfungen nicht auf das übrige Stadtgebiet aus.

Das Oberflächenwasser sammelt sich in stehenden Gewässern und Bächen. Die Bäche im Aachener Raum entwässern allesamt über die Rur und die Maas in die Nordsee. So ist es auch bei den Alsdorfer Fließgewässern, entweder direkt wie der Merzbach und die Fließe des nordöstlichen Stadtgebietes oder indirekt wie der Broichbach mit seinen Nebenbächen über die Wurm. 

Das Alsdorfer Stadtgebiet gehört zur Jülicher Börde, einer vorwiegend ebenen Landschaft mit fruchtbaren Lößböden, welche bis zu 2 Meter mächtig sein können. Dieses während der Eiszeiten aus den Flussschotterbetten ausgeblasene Feinmaterial überlagert hier die Gesteine des Karbons sowie tertiäre Ablagerungen und quartäre Schotter.  Durch Entkalkung und Tonbildung entstand mit der Zeit Lößlehm, in dem sich in erster Linie Parabraunerden gebildet haben.

Von Natur aus würden hier Buchenwälder mit Eichenbeimischung stocken. Jedoch sind vor allem der Ackerbau, aber auch Grünlandnutzung und Streuobstanbau die Ursachen für das Verschwinden der Waldbestände. In jüngerer Zeit sind es Siedlungsbau und Industriegebiete, welche sich hier ausbreiten, - bei der Hochwertigkeit der Böden eigentlich unverständlich. Unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, ist festzustellen, daß für die Tierwelt wertvolle Kulturlandschaftsbereiche hierdurch verschwinden.

Eigentlich ist das Stadtgebiet eher eben, das Relief wenig abwechslungsreich. Der tiefste Punkt liegt mit 120 Meter über dem Meeresspiegel bei Schloss Ottenfeld, der höchste an der Stadtgrenze zu Würselen an der Bundesstraße B 1 (181 m ü. NN).

Zwei wesentliche Veränderungen der einst durchgängig flachen Landschaft sind bemerkenswert:

Erstens hat sich der Broichbach tief eingeschnitten. Im Hangbereich sind auf Braunerden Eichen-Hainbuchen-Restbestände, im Talbereich Bruch- und Auwälder erhalten.

Zweitens erheben sich die anthropogenen Bergehalden aus der Landschaft. Die zahlreichen Begrünungsversuche sind fast durchweg fehlgeschlagen. Natürliche Sukzession ist auf den Halden unterschiedlich weit fortgeschritten. Der sogenannte Jaspersberg in Mariadorf ist in der Entwicklung am weitesten vorangekommen und über das Robinien-Pionierstadium hinaus. Die Robinie fehlt heute bereits im Jungwuchs. Im Abschnitt über die Bergehalden wird hierauf zurückzukommen sein.

 

Natur versteckt - Die Sache mit den Ortsnamen

Wer kommt beim Ortsnamen „Ofden“ auf die Idee, daß die Natur im Spiel ist? Nun, einer möglichen Deutung zur Folge stammt der Name von Effe = Ulme ab. Der frühere Name könnte Effeden oder Effden gelautet haben. Die Ulme als Charakterbaum dieser Siedlung? Nicht die Birke, welche heutzutage den „Hungerberg“ bestimmt und Pollenallergikern zusetzt? Diese Baumart wiederum finden wir im Namen des benachbarten „Birk“. Historiker sehen einen Zusammenhang zum alten Kirchspiel Broich. Alle Orte, die ihm zugehörig gewesen sind, leiten sich direkt oder indirekt von Baumnamen ab: Euchen von der Eiche, Linden von der Linde und Neusen von den Nüssen (Nussbaum). Selbst hinter Schleibach verbirgt sich ein Baumname: Salekkenbach von salix= Weide. Derselbe Wortstamm findet sich im Salekkenbruch, einem Sumpfwald, der sich zur Zeit Karls des Großen von der Erft bis an die Wurm erstreckt hat und durch einen dichten Weidenbestand charakterisiert gewesen ist. So schließt sich dieser kurze Namensexkurs zu einem Kreis. Denn Broich bedeutet auch nichts anderes als Bruch oder Sumpfwald. Broichbach... Broichweiden... Grevenbroich... Imgenbroich...

 

Rundgang durch Alsdorf: Der Natur auf der Spur

Was muss es früher in Alsdorf beschaulich zugegangen sein! Liest man doch zum Beispiel bei J.H. Kaltenbach  Mitte des 19. Jahrhunderts über Alsdorf von einem „großen Kirchdorf“ mit „244 Häusern und 1061 Einwohnern. ... von der Duisburger (!) Straße durchschnitten ... auf einer fruchtbaren Anhöhe, welche von Merkstein bis Hoengen die Wasserscheide zwischen Broicher Bach und den nord- und nordöstlichen abfließenden Bächlein bildet. Die Bewohner leben größtenteils von Ackerbau und von der Viehzucht, doch befinden sich auch viele Samtweber und Wirte zu Alsdorf. Es ist ein wahrer Genuss für die Wanderer, zur Herbstzeit die reich beladenen Obstbäume, namentlich die Apfel- und Birnbäume, in den zahlreichen Baumwiesen hier zu sehen.“

Aber auch noch im Jahre 1962 kann ein aufgeschlossener Zeitgenosse dem Ort Alsdorf einige romantische Seiten abgewinnen. Ernst Hennig schildert seine Eindrücke so:

„Sommertage im Alsdorfer Land! Wer Augen hat, zu sehen, und ein offenes, allem Schönen zugetanes Herz dazu, der weiß, daß sich in diesen Monaten vieles verzaubert in unserer sonst so grauen und unfreundlichen Bergbaustadt mit ihren rauchenden Schloten und dampfenden Kühltürmen, ihren glühenden Gasschwaden der Kokerei und den schmutzigen Halden, all ihrem Lärm und Staub. ...

Hast du schon einmal einen sommerlichen Sonnenuntergang über unserer Stadt erlebt, wenn wie schwarzes Filigran die Umrisse der Häuser und Türme, Schachtanlagen und Halden gegen den farbenglühenden Westhimmel stehen und langsam die Sommernacht heraufkommt, wenn die bunten Lichter überall aufflammen in der zur Ruhe gehenden Stadt und über ihnen der Abendstern glitzert? Wandere nur einmal hinaus an einem solchen Abend und schau dich um: Du wirst staunen.

Das sind ‘die kleinen Freuden’ sommerlicher Wanderwege und Entdeckungsfahrten in und rund um unsere Bergbaustadt. Nicht nur unser wirklich schöner Broichgrund mit seinen Wasserflächen, Auen und Baumgruppen, der mit seiner reichen Vogelwelt oft genug gepriesen worden ist, lohnt einen Spaziergang in diesen Tagen, auch die Höhenwege, die auf Alsdorf zuführen, sind voller Reize. Ob man von Würselen her auf Ofden und Kellersberg zu kommt oder von Siersdorf auf Neuweiler und Schaufenberg oder von Westen auf Busch und Zopp zu: immer ist das Bild der sommerlichen Heimat anders, bestimmt von dem Zweiklang Brot und Kohle, Bauernland und Industrie, wogenden Kornfeldern, saftigen Weiden mit schwarzweißen Kühen und dahinter mächtigen Halden und ragenden Schloten. Im Wandel des Tages wird dasselbe Bild oft völlig neu und wechselt in seiner Farbigkeit ganz erstaunlich. Schaut euch nur einmal um, liebe Alsdorfer Sommerfreunde.“

Heutzutage leben knapp 50.000 Einwohner in den 15 Stadtteilen Begau, Bettendorf, Broicher Siedlung, Busch, Duffesheide, Hoengen, Kellersberg, Mariadorf, Alsdorf-Mitte, Neuweiler, Ofden, Ost, Schaufenberg, Warden und Zopp. Diese Siedlungsbereiche sind teils zusammen-gewachsen, teils verstreut auf dem 31,2 Quadratkilometer großem Stadtgebiet. Die Trennung der Stadtteile ist entweder durch Naturzonen (z.B. das Broichbachtal) oder durch Agrarflächen bedingt. Diese Tatsache hat wohl zu dem Werbeslogan „Industriestadt im Grünen“ geführt. Hier liegt eine echte Chance für die Stadtentwicklung der Zukunft, sofern man nicht dem Beispiel anderer Kommunen folgt und die Freiflächen mit Bebauungsplänen überzieht. Zunächst einmal sichern die Landschaftspläne einen Großteil der angesprochenen Gebiete.

 

Der Bergbau

Innerhalb der Steinkohlevorkommen in Europa stellen die Flöze des Aachener Reviers die Ausläufer der ostbelgischen Abbaugebiete dar. Mehr als 250 Millionen Jahre ist es her, daß sich die Kohle aus dem Holz tropischer Sumpfwälder gebildet hat, das von Schlamm oder Sand luftdicht eingeschlossen unter hoher Druckeinwirkung verkohlte. Nördlich von Aachen finden sich Steinkohlenvorkommen von 15 bis 18 km Breite. Man unterscheidet im Osten die Indemulde bei Eschweiler (Bergbau bis 1944), im Westen die Wurmmulde und im Norden den Horst von Erkelenz.

Wie wir noch sehen werden, hat der Bergbau auch die Entwicklung der Natur in Alsdorf mit beeinflusst. Daher sollen hier ganz kurz wesentliche Stationen nachgezeichnet werden.

Im Jahre 1848 ist im heutigen Alsdorf das erste Bergwerk entstanden. Es handelt sich dabei um die Schachtanlage Maria im damaligen Hoengen, im Bereich des späteren Stadtteils mit dem eigenen Namen Mariadorf. Zwei Jahre später hat man in der Stadtmitte Anna 1 abgeteuft. Wegen dort vorkommender Fließsandschichten ist das Unterfangen äußerst schwierig gewesen. 1862 ist in diesem Bereich eine Kokerei entstanden., damalige Leistung: 4.000 Tonnen Koks pro Jahr. Im Jahre 1869 ist der Franzschacht hinzugekommen. Über ihm wird 1952 bis 1954 der Betonförderturm errichtet, der bis zu seiner Sprengung im Dezember 1995 eines der Wahrzeichen Alsdorfs gewesen ist. Der Eschweiler Bergwerksverein (EBV) hat im Jahre 1864 die Annabetriebe für eine halbe Million Taler aufgekauft. (Zum Vergleich: ein neues Schulhaus für Mariadorf kostet drei Jahre später 6.000 Taler!) Zwischen 1927 und 1937 werden die Anlagen  zur ersten europäischen Großkokerei ausgebaut.

Am 31. Dezember 1983 wird auf Anna „der letzte Wagen Kohle gezogen“. Ab 1984 wird in Siersdorf die gesamte Förderung gehoben. Mit der dortigen Grube Emil Mayrisch wird bis zu deren Schließung im Dezember 1992 die Grube Anna, auf der nur noch eine Personenseilschaft existiert, im Verbund betrieben.  Mit der Einstellung  des Kokereibetriebes endet schließlich die Steinkohleära in Alsdorf. Berthold Strauch schreibt dazu in der AVZ: „30. September 1992: Der letzte der charakteristischen riesigen Dampfpilze steigt aus dem hölzernen Löschturm Nummer vier in den Himmel über Alsdorf auf - das endgültige Schlusssignal für die Kokerei ‘Anna’.“ Immerhin hat die Großkokerei in 130 Jahren nicht weniger als 72,5 Millionen Tonnen Koks erzeugt! Bis zum Zeitpunkt der Schließung hat es daher benachteiligte Wohnbereiche gegeben - vor allem Alsdorf-Mitte hat sehr unter Ruß und Abgasen gelitten - , aber auch solche, die eigentlich wenig Belastung spürten, z. B. Ofden, das durch die Pufferzone Broichbachtal fast ganzjährig abgeschirmt gewesen ist und nur bei ungünstiger Windlage feinste, ausgeblasene Partikel von den Bergehalden oder gar Kokereimief abbekommen hat. So beginnen wir unseren naturkundlichen Rundgang auch dort, wo Alsdorf für viele am schönsten ist, - im Broichbachtal.

 

© Wolfgang Voigt 2001