Wolfgang Voigt

Natur in Alsdorf – ein naturkundlicher Spaziergang

Internetversion

Teil 6: Feldflur und Streuobstwiesen

 

Die Feldflur

Im Bereich der Jülich-Zülpicher Börde ist die Feldflur sicher ursprünglich der dominierende Kulturlandschaftsteil gewesen, ehe Berg-, Siedlungs- und Straßenbau und letztlich auch die Erschließung von Gewerbe- und Industrieparks gerade im Aachener Raum die Flächen an manchen Stellen doch drastisch verringerten. Beherrscht wird die Feldflur im Alsdorfer Bereich von Getreide-, Mais- und Rübenfeldern. Zwar sind in der intensiv genutzten Landwirtschaftsregion durch Flurbereinigung und Maschineneinsatz schon früh Naturelemente wie Feldgehölze und Ackerrandstreifen mit Wildblumen zurückgedrängt worden. Doch haben sich immerhin vereinzelt noch gute Bestände von Feldlerchen, Rebhühnern, Wachteln und Feldhasen halten können. Im folgenden werden einige markante Feldflurbereiche auf Alsdorfer Stadtgebiet vorgestellt. Begonnen wird aber mit einem Negativbeispiel...

 

- Hoengen (Mitsubishi-Gelände)

In der Feldflur bei Hoengen findet man bestes Ackerland. Hier lagert Lößboden, der bezüglich seiner Entstehung auf die Eiszeiten zurückzuführen ist. Kopfschütteln daher bei Experten, als 1976 der Gebietsentwicklungsplan (GEP) in diesem Bereich Industrieansiedlung vorgesehen hat. Immerhin hat es bis zum September 1988 gedauert, bis der Rat der Stadt Alsdorf auf dieser Basis die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen hat (Nr.161 „Industriepark Ost“). Auf einem Grundstück  - zunächst mit einer Fläche von 107,5 Hektar - hat der japanische Konzern Mitsubishi eine Mikrochip-Fabrik errichtet. Seitdem ist der Bereich, welcher durch die Bebauungspläne 160 („Industriepark West“) und 166 („Nord“) erweitert und unter dem offiziellen Namen „Industriepark Alsdorf“ geführt worden ist, besser unter der Bezeichnung „Mitsubishi-Gelände“ bekannt (Kauf einer Großfläche durch die Weltfirma im Jahre 1989).

Hartmut Fehr schreibt: „Eines der wichtigsten Rebhuhngebiete, die Feldflur um Bettendorf, wird 1990 durch die Errichtung des Industrie’parkes’ Hoengen und den Bau der Straße L 240n wegfallen, was für die Bestandsentwicklung nichts Gutes erwarten lässt.“

Die Eingriffe in den Naturhaushalt hat man versucht durch Anpflanzung ausgedehnter Streuobstwiesen und Anlage von Benjes-Hecken auszugleichen. Hierdurch ist man zwar den Forderungen der Naturschutzverbände BUND und NABU zum Teil nachgekommen, jedoch fehlt der Ausgleich für die offene Feldflur, das heißt für die verlorengegangenen Brut- und Nahrungsplätze beispielsweise von Feldlerche und Rebhuhn. Vielmehr hat man die ursprüngliche Planung durchgesetzt, nämlich 20 Prozent der Grundstücksfläche als Grünfläche zu gestalten und zu „unterhalten“ („Arbeiten im Park“).

Eine gewisse Anziehungskraft auf Wasservögel übt der sog. „Mitsubishiteich“ aus. Allerdings ist er als Rückhaltebecken und sicherlich nicht als eine Art Ausgleich für versiegelte Feldflur zu werten. Zudem gibt es im Alsdorfer Stadtgebiet strukturiertere Gewässer, welche deutlich besser angenommen werden.

Negativ bleibt der Naturschutzseite das Verfahren in Erinnerung, durch das per Kreistagsbeschluss (Kreis Aachen) vom 29. Juni 1989 der im Gelände liegende „geschützte Landschaftsbestandteil“ aus dem Landschaftsplan gestrichen worden ist. An dem ursprünglich hohen ökologischen Wert hat eine solche Entscheidung natürlich nichts geändert.

Auf einer Exkursion des Naturschutzbund Deutschland in die Feldflur bei Hoengen im Frühjahr 1991 hat man zwar noch eine Reihe typischer Vogelarten festgestellt, jedoch ist die Artenvielfalt gegenüber früheren Jahren deutlich zurückgegangen. So hat man damals immerhin bis in die Ortsrandlage von Bettendorf wandern müssen, um Kiebitze und Rebhühner zu sehen.

 

- Oberhalb Broicher Weiher

Die Feldflur oberhalb Broicher Weiher erreicht man durch einen gut erhaltenen Hohlweg von der Broicher Mühle aus. Hier säumen Hainbuche, Hasel, Schlehe, Schwarzer Holunder und Weißdorn den Weg. Brombeeren, Nachtschatten und Zaunwinde ranken in den prächtig entwickelten Büschen. Am Ende bei der Gabelung, wo man sich in Richtung Broichweiden oder Ofden entscheiden muss, steht ein Naturdenkmal, ein alter Bergahorn, bei dem eine Bank zum Verweilen einlädt.

Wenn sich auch die Felder ohne weitere Feldgehölze weitläufig erstrecken und Ackerbegleitflora kaum entwickelt ist, kann man hier doch die einen oder anderen Tierbeobachtungen machen. Feldhasen und Wildkaninchen sind hier ebenso zu sehen wie etwa Rebhühner. Häufiger ziehen hier Mäusebussard oder Habicht, gelegentlich auch der Rotmilan ihre Kreise. Auch der Turmfalke steht in der Luft, und Feldlerchen schrauben sich singend in die flirrende Sommerhitze. Zur Zugzeit entdeckt der kundige Ornithologe Steinschmätzer und Braunkehlchen.

 

- Ofdener Feld

Das Ofdener Feld finden wir im Winkel Dorfstraße und Siedlung Ofden, auf Euchen bzw. Schleibach zu. In diesem stillen Bereich, wo nur gelegentlich Landwirtschaftsmaschinen die Ruhe stören, ist noch das Rebhuhn zu Hause. Hier finden die jungen Familien Deckung und Nahrung. Rebhühner sind übrigens nützliche Insektenvertilger.

Anfang der 90er Jahre hat es hier in der Nähe auch Bruten der Waldohreule gegeben. In einem verlassenen Elsternnest auf dem Gelände der ehemaligen Hauptschule Ofden sind zunächst drei Jungtiere erbrütet worden. Die Wahl des Nistplatzes ist auf diesen Ort wohl auch wegen der Nähe der freien Feldflur gefallen. Wolfgang Voigt schreibt unter dem Titel „Schlaflose Nächte in Ofden“ exklusiv für die AVZ im Juni 1990 folgenden Artikel:

„‘Der Spuk ist vorbei’, so werden viele Ofdener Bürger denken. Was war geschehen? Etwa seit Pfingsten hallten durch weite Teile Ofdens ziemlich genau ab 22 Uhr bis tief in die Nacht hinein hohe, schrille ‘pschie’-Schreie, und das im Abstand von wenigen Sekunden.

Es handelte sich um die Bettelrufe von drei jungen Waldohreulen.

Die Liste der Brutvögel in Ofden ist um eine kleine Rarität länger geworden. Ebenfalls in diesem Jahr hatten bereits erfolgreiche Graureiher- und Eisvogel-Bruten die Naturliebhaber in Begeisterung versetzt.

Wenn auch die Waldohreule noch relativ häufig ist, so sind Bruten im Siedlungsbereich bisher doch die Ausnahme. Ausgesucht hatten sich die Vögel ein altes Elsternnest in einer Pappelreihe an der ehemaligen Hauptschule mit angrenzenden Ackerflächen. Gerne werden auch Krähennester als Brutstätte angenommen, was zeigt, daß die Rabenvögel eine umfangreichere ökologische Bedeutung haben als lange Zeit angenommen bzw. zugegeben.

Mit den Bettelrufen signalisieren die jungen Eulen ihren Sitzplatz. Nachdem sie das Nest verlassen haben, suchen sie einzeln verschiedene Stellen auf, wo sie vom Weibchen gefüttert werden. Die Futterübergabe durch das Alttier ist oft von einem Fauchen (‘chwau’) begleitet. Verärgert gibt es ein bellendes ‘uäg uäg uäg’ von sich. In der Stille der nacht sind all diese Laute durchaus dazu geeignet, Menschen um ihren Schlaf zu bringen, wie uns in zahlreichen Gesprächen glaubhaft gemacht wurde. Bis zu 600 Meter weit hört man die Schreie. Wenn dann ein Jungtier im eigenen Garten auf einem Baum vor dem Schlafzimmerfenster sitzt...

Im allgemeinen zeigte man aber Verständnis für diese Urlaute der Natur. Seit einigen Tagen jedenfalls hörte man die Jungtiere bereits nur noch aus einiger Entfernung, jenseits von Alt-Ofden. Die Vögel erobern jetzt wohl die weitere Umgebung des Broichtales. Bis zum nächsten Jahr? Man darf gespannt sein!“

Die hiesige Feldflur ist außerdem bevorzugtes Jagdrevier der Steinkäuze, welche in NABU-Niströhren in Alt-Ofden und Schleibach Jahr für Jahr ihre Jungen aufziehen.

Seit 1995 hängt ein Nistkasten für Turmfalken an der katholischen Kirche St. Barbara in Ofden. Auch diese Nisthilfe wird von der NABU-Ortsgruppe betreut. Bereits 1996 kommt es erstmals zur erfolgreichen Brut. Seitdem sieht man Falken wieder öfters rüttelnd über dem weiten Ofdener Feld. An den randständigen Gebüschsäumen ist gelegentlich der Sperber im Tiefflug unterwegs. Er stellt Kleinvögeln nach und fällt dabei auch schon einmal in Gärten am nahen Enten- oder Fohlenweg ein. Schließlich reiht sich noch der Mäusebussard in die Gruppe der Greifvögel ein, die in der Ofdener Feldflur ihre Beute jagen.

Wenn hier ein Schwarm von Lachmöwen auftaucht, ist in jedem Fall Winter. Auf dem nahen Alsdorfer Weiher sind vermutlich wieder einmal die Modellboote unterwegs und haben mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm die Vögel vertrieben. Bis Mitte der 90er Jahre hat man die Möwen an Sonn- oder Feiertagen auch aus einem anderen Grund hier angetroffen: die Deponie Warden hat an diesen Tagen keinen frischen Müll bekommen. Sie sind dann auf dem mühsameren Insekten- und Larvenfang gewesen.

Im Jahre 1991 ist für das Ofdener Feld der Bebauungsplan Nr. 173 aufgestellt worden. Zugleich ist es dabei um die Flächennutzungsplan-Änderung Nr. 25 gegangen. Bei dem Verfahren hat es aber dann erhebliche Schwierigkeiten gegeben. Die Genehmigungsbehörde in Köln hat zur Auflage gemacht, daß die Entwässerung des Geländes ohne zusätzliche Belastung der Kanalisation zu erfolgen habe. Ein erstelltes Gutachten hat dann ergeben, daß die Bodenbeschaffenheit eine gemeinschaftliche Versickerung von Niederschlagswasser vor Ort nicht zulassen würde.

Weil im Rahmen der Bebauung die Chance bestanden hat, den Obstwiesengürtel Ofdens weiterzuführen, hat dies der Naturschutzbund unter anderem in seiner Stellungnahme vorgeschlagen. Insgesamt dürfte der Natur aber dennoch mehr damit gedient sein, daß die Realisierung des Planes nicht durchgeführt worden ist.

 

- Überheide

Der Name wird als „oberhalb einer ausgedehnten Heideflur“ liegender Siedlungsort gedeutet. Auch könnte es ein Wortrumpf des ehemaligen „Überheidebos“ sein. Jedenfalls ist an diesem Wohnplatz heute nur noch ein Anwesen vorhanden.

„Überheide“, - das ist einmal auch ein Gasthof gewesen. Dieser ist 1978 abgerissen worden. „Schandfleck machte Platz für Kreisstraße“: Unter dieser Überschrift ist seinerzeit in der Lokalpresse zu lesen: „Ein Schandfleck verschwand und ein Kuriosum wird bald der Vergangenheit angehören. Der Schandfleck - das war der seit Jahren leerstehende, langsam vor sich hin bröckelnde Gasthof Überheide an der Bundesstraße 57.“  Heute erinnert nur noch der Name einer Bushaltestelle daran. Ansonsten herrscht hier die Feldflur vor. (Letzte bauliche Veränderung im Gebiet ist die Abzweigung Duffesheide gewesen.) Dieser Landstrich ergänzt das Landschaftsmosaik der Bereiche Ofdener Wald, Schleibachtal und Schlosspark Ottenfeld mit den benachbarten Restbeständen an Obstwiesen.

Immer wieder kann man hier trotz des hohen Verkehrsaufkommens typische Bewohner der Feldflur beobachten: Feldlerchen, Grau- und Goldammern und Rebhühner sind nicht nur typisch, sondern auch noch häufig anzutreffen. Kulturfolger wie Lachmöwe und Kiebitz finden sich nur zu bestimmten Jahreszeiten ein. Der Steinschmätzer ist als Durchzügler hier selten geworden. Die im Bestand stark zurückgegangenen Feldhasen kommen ebenso vor wie die Rehe, die aus dem Haldenbereich, dem Schlosspark oder dem nicht allzu fernen „Krähenwald“ bei Ruif hierhin wechseln. Verkehrsopfer unter den Rotfüchsen belegen auch deren Vorkommen.

 

 

Die Streuobstwiesen

 

Obstwiesen sind seit dem Mittelalter Bestandteil der Kulturlandschaft, zu finden als breiter Gürtel um die Ortschaften.

Obstwiesen gehören zu den sogenannten Sekundärbiotopen (Lebensräume aus zweiter Hand), vom Menschen zu Eigenzweck geschaffen, von der Natur mit der Zeit zurückerobert.

Obstwiesen haben sich bei der zunehmenden Zersiedelung und Versiegelung der Landschaft zu wichtigen Refugien (Rückzugsgebieten) für bedrohte Tier- und Pflanzenarten entwickelt.

Wo die Hochstammbestände entfernt oder im Anschluss an Ortschaften über die Landschaft verteilt vorkommen, spricht man von Streuobstwiesen. Eine andere Worterklärung besagt, daß man früher das in diesen Wiesen geerntete Heu als Einstreu in den Ställen verwendet hat.

Im 14. und 15. Jahrhundert hat man erste „Bomgarten“ am Rande der Dörfer angepflanzt. Die Nähe zum Siedlungsbereich ist wohl so zu erklären, daß die Hochstammbäume zunächst dem Zwecke der Selbstversorgung gedient haben. Gleichzeitig ist in den Flächen die Beweidung möglich gewesen, wobei die Bäume dem Vieh Schatten gespendet haben. Schnell hat man dann weitere Vorteile erkannt: Windschutzfunktion, Verbesserung des Kleinklimas und Erosionsschutz. Durch den alle Jahre notwendigen Pflegeschnitt hat man zudem Brenn- bzw. Schnitzholz zur Verfügung gehabt.

Lange Zeit ist diese Form des Obstanbaus, die auf jede intensive Pflege verzichtet hat, so lukrativ, daß über die Eigennutzung hinaus ein ausgedehnter Markt mit Streuobstprodukten bestanden hat. Für viele Klein- und Mittelbetriebe, welche Saft hergestellt haben, sind sie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden.

Wo die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge um 700 mm liegt oder der Grundwasserstand entsprechend hoch ist, gedeihen diese Obstwiesen vorzüglich. So kommt es, daß sie vor allem am Fuße der Mittelgebirge zu einem prägenden Element der Kulturlandschaft geworden sind.

 

- Bettendorf

Der Obstwiesengürtel ist im Stadtteil Bettendorf noch am besten erhalten. Hier liegt er in der klassischen Ausprägung vor und zeigt trotz vorhandener Lücken, welche große Bedeutung eine solche Grünzone für den Siedlungsbereich hat.

Auch in den Flurnamen spiegelt sich dies wieder: „Bongart“ (= Baumgarten, eingezäunte Wiese mit Obstbäumen) und „Hinterm Bongart“ im Süden bzw. Norden des Dorfes.

In den 90er Jahren gibt es Bestrebungen der Stadtverwaltung den Obstwiesengürtel in Bettendorf wieder ganz zu schließen. Dies geht jedoch nicht ohne Einwilligung der Grundstücksbesitzer.

Hinsichtlich Flora und Fauna gibt es bisher keine systematische Erfassung, wohl aber Meldungen von Bettendorfer Bürgern. Hinzu kommen Daten, die bei NABU-Exkursionen erfasst worden sind.

So gibt es Beobachtungen folgender Säuger: Feld- bzw. Waldmaus und Igel. Hinzu kommen als Jäger Mauswiesel und Hermelin. Der Mäusereichtum dürfte auch den Mäusebussard anlocken. Als weitere Greife sind der Habicht und der Turmfalke erfasst. Nachts jagen hier Schleiereule, Steinkauz und Waldohreule. Typisch für die Altbaumbestände der Obstwiesen sind Höhlenbrüter wie Blaumeise, Feldsperling, Hohltaube und Star. Auch der Wendehals muss hier erwähnt werden. Über dem Wiesengürtel sieht man in den Sommermonaten Mauersegler, Mehl- und Rauchschwalben. Am Boden suchen Fasan, Kiebitz und Rebhuhn Deckung.

 

- Hoengen

Die Hoengener Obstwiesen sind im Landschaftsplan II besonders geschützt. Mit Weißdornhecken eingezäunt, vermitteln sie mit ihrem lockeren Baumbestand zwischen freier Feldflur und Bebauung. So bietet sich von der Landstraße her ein harmonisches Bild. Auf dem Gelände des benachbarten Industrieparks auf der anderen Straßenseite ist Anfang der 90er Jahre als Ausgleichsmaßnahme für das Projekt Mitsubishi eine größere Obstwiesenneuanlage entstanden.

Häufige Nahrungsgäste in den Hoengener Obstwiesen sind die Schwalben, die in der Ortschaft noch ausreichend Brutmöglichkeiten finden. Das sind einmal die Mehlschwalben, welche die Hoengener liebevoll „Hausschwalben“ nennen, weil sie ihre kunstvollen Lehmnester an der Außenfassade unmittelbar unter dem Dach bauen. Auch im wissenschaftlichen Namen Delichon urbica bedeutet der Zusatz „urbica“ soviel wie städtisch.  Zum anderen gibt es die Rauchschwalben, die hier entsprechend „Stallschwalben“ heißen. Für diese nützlichen Insektenvertilger lassen die Landwirte die Fenster gekippt, damit sie zum Füttern ein- und ausfliegen können. Hirundo rustica ist der Name, den Carl Ritter von Linné ihnen gegeben hat, wobei „rustica“ ländlich meint. Die Vorfahren beider Arten kommen ursprünglich in felsreichen Landschaften vor, wobei die Rauchschwalben eher Höhlen, die Mehlschwalben mehr die Felsüberhänge als Brutbiotope bevorzugen. Seit langer Zeit sind sie jedoch Kulturfolger des Menschen, das heißt: sie sind ihm in seine Kunsthöhlen, lies: Häuser, gefolgt. Wichtig ist dabei, daß in der Nähe wie in der freien Landschaft lichter Baumbestand vorhanden ist. Außerdem brauchen sie für den Nestbau Lehmpfützen. So ist der Rückgang der Schwalben unter anderem auch auf die zunehmende Versiegelung ursprünglich offener Flächen und die Rodung von Obstwiesen  zurückzuführen.

Die Gruppe Broichbachtal hat in den Jahren 1989 und 1990 flächendeckend im Stadtgebiet Mehlschwalbenzählungen durchgeführt. Dabei hat Hoengen jeweils den ersten Platz bei den erfolgreichen Bruten belegt. 1989 sind es nicht weniger als 112 besetzte Nester gewesen. Was für diesen Stadtteil noch durchaus positiv aussieht, gilt nicht für das restliche Stadtgebiet. So haben Karl Gluth und Gerhard Moll einen deutlichen Rückgang der Mehlschwalbenbestände - vor allem in Ofden und Ost - registrieren müssen.

 

- Warden

Im Stadtteil Warden gibt es eine Reihe von Landschaftsschutzgebieten, ausnahmslos Streuobstwiesen. Der einst geschlossene breite Gürtel hat leider durch Baumaßnahmen in den 80er Jahren im nordwestlichen und südwestlichen Bereich Lücken bekommen. Die verbliebenen Restflächen scheinen zunächst einmal durch den vom Kreistag beschlossenen Landschaftsplan ausreichend gesichert zu sein.  Der Bestand aus Apfel-, Birnen- und Pflaumen-Hochstammbäumen ist zum Teil stark überaltert, rechtzeitige Beipflanzung von Jungbäumen wäre hier wünschenswert. Auch werden die Früchte bisher selten geerntet, dienen aber als Fallobst vielen Tieren, darunter der seltener gewordenen Hornisse als Nahrung. Die Obstwiesen werden in Warden meist als Weideflächen für Pferde, seltener Rinder genutzt. Die Bäume sind daher im Sommer auch wichtige Schattenspender. Dabei kommt es jedoch auch gelegentlich zu Verbissschäden an der Rinde.

 

- Schaufenberg

Die einst ausgedehnten Obstwiesenbestände sind in Schaufenberg nur noch in winzigen Restbeständen am nordwestlichen Ortsrand vorhanden, die zudem von noch gültigen Bebauungsplänen bedroht sind. Bemühungen der Naturschutzverbände, Politiker und Verwaltung von ihrem Wert zu überzeugen,  haben bisher nicht zur Herausnahme geführt.

Am nordöstlichen Rand Schaufenbergs befindet sich noch ein einzelnes verwildertes Streuobstgrundstück, das mittlerweile als „geschützter Landschaftsbestandteil“ ausgewiesen ist. Es ist letzter Rest eines ehemals großen Geländes mit alten Obstsorten, das dem heutigen Industriegebiet geopfert worden ist.

 

- Ofden

Peter Schiffer, erster Kellersberger Schulleiter, beschreibt in seiner Abhandlung über das Broichbachtal im Jahre 1908 das alte Ofden als „unweit der Kranentalsmühle zwischen Obstbäumen hervorlugenden idyllischen Ort mit reizender Umgebung.“

Ende der 80er Jahre sind in Ofden nur noch wenige Restbestände an Streuobstwiesen in der Nähe der Alten Dorfschule zu finden gewesen. Als die Gruppe Broichbachtal in die Planung der IV. Alsdorfer Naturschutztage die Idee einbrachte, eine solche Obstwiese in Zusammenarbeit zwischen Naturschutzgruppen und Alsdorfer Schulen und Kindergärten neu anzulegen, ist man mit einem Grundstück am Euchener Bach in Alt-Ofden fündig geworden, das der Eigentümer Manfred Rohr bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die gesamte Geschichte des Projektes ist an anderer Stelle dokumentiert. Hier sei lediglich erwähnt, daß bei der Ausführung nahezu 450 Kindergarten- und Schulkinder beteiligt gewesen sind.

Die Obstwiese selbst ist durch eine Trockenmauer, durch Lesestein- und Totholzhaufen sowie eine dreireihige Wildhecke (mit Vogelbeere und Esche als Durchwachser, Hasel, Rotem Hartriegel, Schlehe, Pfaffenhütchen und Wildrosen als Bestandsbildner) und eine Weißdorn-Formschnitthecke optimiert worden.

Einige Grasarten, wenige Kräuter und eine Handvoll Tiere (allesamt typische Kulturfolger) haben die Lebensgemeinschaft des Wiesenstückes vor der Umwandlung in eine Streuobstwiese gebildet. Bereits nach einem Jahr der Entwicklung hat die Gruppe Broichbachtal immerhin 127 Pflanzen- und 236 Tierarten festgestellt. So ist diese Neuanlage ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welches Lebenspotential sich auch in einer intensivst genutzten Bördenlandschaft erhalten hat und entfalten kann, wenn man dies zulässt.

Bei der Auswahl der Obstbäume hat man peinlich darauf geachtet, daß alte Hochstammsorten eingebracht worden sind. Die Namen sind mehr oder weniger klangvoll: Hauszwetsche, Vereinsdechant, Gravensteiner, Cox Orangen Renette, Ingrid Marie, Weißer Klarapfel, Gellert’s Butterbirne, Schneider’s späte Knorpelkirsche und Köstliche aus Charneux.

Die Betreuung und Pflege hat zwischenzeitlich der Naturschutzbund Deutschland übernommen. Durch eine Übereinkunft zwischen dem Kreis Aachen (Untere Landschaftsbehörde) und einem Landwirt ist gewährleistet, daß die Fläche fast ganzjährig durch Jungrinder beweidet wird. Aus diesem Grund sind die Bäume auch mit Verbissschutz versehen worden.

Wünschenswert wäre eine Fortführung des Streuobstbestandes über die Dorfstraße hinaus, in Richtung Ofdener Feld und Schleibach.

 

- Schleibach

In Schleibach haben wir hofnahe Weideflächen mit Beständen an Hochstammobstbäumen. Abgegrenzt sind sie jeweils von Formschnitthecken aus Weißdorn.

In den Kronen von Apfelbäumen entdeckt man, besonders leicht im Winter, kugelige Büsche mit gelbgrüner Färbung. Wenn man mit dem Fernglas genauer nachschaut, sieht man daß diese runden Gebilde sich in eine sperrige Vergabelung auflösen, die grüne, lederartige Blätter tragen. Es handelt sich um die immergrüne Mistel. Sie gilt als Halbschmarotzer (Semiparasit), weil sie einerseits Blattgrün besitzt und daher Fotosynthese betreiben kann, andererseits aber mit Saugwurzeln tief im Holz des Wirtsbaumes verankert ist und dessen Zuckersaftstrom anzapft. Aus den weißen Blüten, die bereits im Februar und März erscheinen, entwickeln sich Früchte, welche erst im darauffolgenden Dezember oder Januar als weiße Scheinbeeren zur Reife kommen. Sie enthalten einen stark klebrigen Fruchtsaft. Der einzige Samenkern bleibt daher besonders häufig am Schnabel von Amseln und Drosseln hängen, die sich im Winter über die energiereichen Früchte hermachen. Wenn diese nun versuchen, das klebrige Anhängsel loszuwerden, und hierzu ihren Schnabel an der Baumrinde wetzen, bleibt der Samen leicht in einer Borkenspalte stecken und kann eine neue Pflanze hervorbringen. So tragen die Drosseln zur Verbreitung dieser Pflanzenart bei, und die Misteldrossel hat von daher sogar ihren Namen. Seitdem diese Art bei uns wieder häufiger vorkommt, sind auch die Misteln in der Ausbreitung. Weil diese auch auf Eichen, Eschen, Linden sowie Weiß- und Schwarzpappeln schmarotzen, darf es nicht verwundern, daß sie auch entlang des gesamten Broichbachtales zu finden sind. 

 

- Duffesheide / Ottenfeld

Das Umfeld vom 1878 erbauten Schloss Ottenfeld ist bis in die 70er Jahre durch ausgedehnte Streuobstbestände charakterisiert gewesen. Leider sind hiervon viele zerstört worden, so z.B. im Februar 1975 zwischen der Reithalle und der Birkenallee nach Schloss Ottenfeld. Noch im Dezember 1983 ist es auf der Wiese an der Bundesstraße 57 im Bereich Überheide zu umfangreichen Obstbaumrodungen gekommen (Gerhard Moll). Letzte Überreste westlich des Schlossparks sind nun durch den Landschaftsplan I gesichert. Auch im Umfeld von Duffesheide finden wir noch einzelne Obstwiesen, die ebenfalls von Weißdorn-Niederhecken eingefriedet sind.

© Wolfgang Voigt 2001