Wolfgang Voigt

Natur in Alsdorf – ein naturkundlicher Spaziergang

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Teil 6: Bergbaurelikte

 

Die Bergehalden

 

Die Bergehalden sind Landschaftszeugen des Steinkohlebergbaues. In Alsdorf überdecken sie immerhin 5 % des Stadtgebietes. „Für die einen sind sie schlichtweg riesige Abfallhaufen, die anderen aber schwärmen von ‘interessanten landschaftlichen Merkzeichen’, von Öko-Nischen und Rückzugsgebieten für die bedrohte Natur: die Bergehalden.“ (BERTHOLD STRAUCH, AVZ vom 22.2.1985)  

Die Bezeichnung hat nichts mit dem Begriff „Berg“ zu tun, obwohl die Halden sich durchaus bis zu beträchtlicher Höhe aus der sonst doch recht ebenen Bördenlandschaft erheben. Die sogenannte „Ausrichtungsberge“ ist vielmehr das Material, das man aus zum Teil großer Tiefe aus dem Boden holen muss, um Schächte und Stollen voranzutreiben. Entsprechend kohlenhaltig kann dann auch diese Berge sein. Außerdem enthält sie die unterschiedlichsten Mineralien, weil hier auf engstem Raum Aushub aus verschiedenen Tiefen aufgehaldet worden ist. Von dieser „Ausrichtungsberge“ unterscheidet der Bergmann noch die „Waschberge“. Dies sind die Bergeanteile in der Rohkohle, die in den Wäschen von der Kohle getrennt und zusammen mit den Ausrichtungsbergen auf die Halde gekippt werden. Weil der Bergeanteil in der Rohkohle im Aachener Revier größer ist als im Ruhrgebiet, sind hier auch die Bergehalden größer. Ein weiterer Grund ist, daß man viel mächtigere Gebirgsschichten durchfahren muss und zudem die Flöze nicht so dicht aufeinanderfolgen; kurz: es fallen auch mehr Ausrichtungsbergen an.

Meist ist die Bergehalde gut wasserdurchlässig. Dadurch sind der Haldenkörper und seine Oberfläche in der Regel extrem trocken, wohingegen sich am Haldenfuß das Wasser staut. Dort sind auch häufig künstlich angelegte Teiche zu finden, um das ursprünglich belastete Wasser aufzufangen.

Weil das Bergematerial dunkel ist, heizt es sich vor allen an den nach Süden exponierten Steilhängen sehr stark auf. Temperaturen von 60 Grad Celsius sind keine Seltenheit. Die Wärmeenergie wird nachts nur zögernd abgegeben, so daß auch an sonst kalten Tagen auf den Halden die bodennahe Luftschicht eher temperiert ist. Auch im Jahresverlauf haben wir an der unteren Temperaturgrenze keine Extremwerte zu erwarten. So ist es insgesamt nicht verwunderlich, daß eine ganze Reihe wärmeliebender Arten hier auf den Halden ihre nördlichste Verbreitung hat.

Die Bodenbildung geht auf den Halden nur sehr langsam vor sich. Abgestorbenes Pflanzenmaterial der Pionierarten verrottet zwar, aber es wird im Hangbereich entweder weggeweht oder fortgespült. Meist sammelt es sich dann in Senken und Erosionsrinnen, von wo aus die weitere Besiedlung mit höheren Pflanzen einsetzt. So bestimmen lange Zeit offene, unbewachsene Flächen das Haldenbild.  Auf der Nordseite kommt die sukzessive Ausbreitung der Pflanzenwelt in der Regel schneller voran. Dass die Natur eine Sukzession bis hin zur Klimax Wald schafft, wenn man ihr nur Zeit lässt, beweist der Jaspersberg mit seinem mittlerweile urwaldähnlichen Bewuchs.   

 

- Der Jaspersberg

Beim Jaspersberg handelt es sich um die alte Bergehalde „Maria I“ der Grube Maria. Der Beginn der Aufschüttung hat im Jahre 1890 gelegen. Bis in das Jahr 1926 hat man insgesamt 1,9 Millionen Kubikmeter Berge hierhin verbracht. Dies ergibt eine Halde in Hügelform, welche etwas über 10 Hektar überdeckt und sich 30 Meter über Flur erhebt. Er ist diejenige Aufschüttung, welche am längsten der natürlichen Entwicklung überlassen worden ist. So hat sich sukzessiv ein dichter Waldbestand herausbilden können. Von der Grundfläche, die der Jaspersberg einnimmt, sind rund 8 Hektar bewaldet.  Seit den 30er Jahren stehen hier Robinien, die vermutlich angepflanzt worden sind. Bei HANS HÖPPNER und HANS PREUSS findet man in deren „Flora des Westfälisch-Rheinischen Industriegebietes“ von 1926 den Hinweis: „Im Gebiet besonders an Bahndämmen und auf Zechenhalden häufig angepflanzt und verwildert.“ Ob gepflanzt oder wild gewachsen, - in jedem Fall können sie als Pionierbaumarten gelten, welche dem Boden Luftstickstoff in einer für andere Pflanzen verwertbaren Form zugeführt haben. Durch den jährlichen Laubfall ist inzwischen eine Humusschicht von immerhin 20 Zentimeter entstanden.

Der Jaspersberg ist 1965 (nach Angaben des EBV aus dem Jahre 1990) aus der Bergaufsicht entlassen worden, andere Quellen sprechen von 1945. Zu Beginn der 80er Jahre hat es dann wiederum Pläne gegeben, die Halde abzutragen, um die Kohleanteile des Bergematerials zu nutzen. (Man schätzt den Anteil auf 30 bis 50 %. Ein Journalist nennt eine konkrete Zahl: geschätzt etwa 250.000 Tonnen.) Die Bochumer Firma CORTIX hat 1981 beim Staatlichen Forstamt Monschau die sogenannte „Waldumwandlungs-Genehmigung“ beantragt. Weil der Jaspersberg in der Waldfunktionskarte Nordrhein-Westfalens als „Waldfläche mit Klima- und Immissionsschutzfunktion“ eingetragen ist, hat die zuständige Forstbehörde die Genehmigung verweigert. Die Bürgerinitiative „Rettet den Jaspersberg“ und der Deutsche Bund für Vogelschutz, die für den Erhalt gekämpft haben, sehen sich durch diese Entscheidung bestätigt. Als auch die Höhere Forstbehörde im Widerspruchsverfahren keine Genehmigung erteilt, kommt es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Das Verwaltungsgericht in Aachen soll die Frage klären, ob es sich bei dem Wald auf der Halde überhaupt um „Wald“ handelt. Tatsächlich entscheidet die dritte Kammer dieses Gerichtes im November 1983, daß eine Halde eine Mobilie sei und somit keinen Wald im rechtlichen Sinne tragen könne. Erst in höherer Instanz, beim Oberverwaltungsgericht in Münster wird im Einspruchsverfahren letztlich entschieden, daß es sich bei dem Wald auf dem Jaspersberg um „Wald im Sinne des Bundeswaldgesetzes“ handelt.

Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß es auch eine Bürgerinitiative „Weg mit dem Dreck“ gegeben hat. Ihr Sprecher Hans-Peter Schneiderwind stellt im April 1982 schwerwiegende Gefahren fest, die von der Halde ausgehen: „erhebliche Belästigungen durch Schmutzpartikel“, „... daß Ungeziefer (auch Ratten) von der Halde durch die unmittelbare Nähe in die Häuser bzw. Grundstücke gelangen können“.

1986 wird dann der Jaspersberg von der Bezirksregierung Köln per Ordnungsbehördlicher Verordnung auf fünf Jahre einstweilig als „Geschützter Landschaftsbestandteil“ sichergestellt. In der Verfügung heißt es unter anderem: „Die Schutzausweisung erfolgt zur Sicherstellung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes (Bergehalde aus schieferartigem Material mit Bestand an Erlen, Eschen, Robinien und Birken sowie Ruderalfluren und trockenrasen-ähnlichen Bereichen; Vorkommen von 242 Pflanzenarten und 46 Brutvogelarten); ... zur Belebung und Gliederung des Landschaftsbildes (Rückzugsbereich innerhalb einer ansonsten weitgehend ausgeräumten Agrar- und Industrielandschaft).“    Diese Maßnahme wird später durch den Landschaftsplan II ersetzt. Heute gilt die Halde als „ruhend, endgestaltet, rekultiviert“.

Der Jaspersberg ist ein schönes Beispiel dafür, daß eine nackte Geröllfläche sich über natürliche Sukzession mit der Zeit ohne Zutun des Menschen selbst begrünt. Die sogenannte Klimax, der Endpunkt dieser Entwicklung, ist bei uns in Mitteleuropa in der Regel ein Buchenmischwald. Leider sind viele Leute zu ungeduldig, denn diese natürliche Folge von Pinonier- und Zwischenstadien braucht ihre Zeit. Vor allem Politiker können in den weitaus meisten Fällen nicht warten, weil die Wiederwahl viel früher ansteht, und da muss man ja Erfolge aufweisen. Also wird mit enormen Material-, das heißt auch Geldaufwand nach dem Motto „Klotzen, nicht Kleckern“ der Natur nachgeholfen, nicht immer zu deren Vorteil...

Auf dem Jaspersberg sind folgende „Landschaftsgärtner“ am Werk gewesen: Der Wind hat viele Samen angeweht. So sind unter anderen zwei Birkenarten, viele Weidenarten, darunter die Purpurweide, und eine Vielzahl von Korbblütlern auf die Halde gekommen. Auf diesem Wege hat sich hier auch die Waldrebe angesiedelt, die zusammen mit anderen Kletterpflanzen Teile des Jaspersberges mittlerweile nahezu undurchdringbar macht. Zu diesen zählt das Efeu, daß nicht nur bis in die Wipfel der Robinien wächst, sondern sich auch flächig auf dem Boden ausbreitet. Drosseln dürften die Früchte hierhin verschleppt haben. Auch Sträucher wie Holunder und Wildrosen haben sich mit Sicherheit dank zahlreicher anderer fruchtfressenderVögel hier entwickelt. Eichelhäher dürften vor Jahrzehnten Eicheln aus dem Broichbachtal angeschleppt haben. Dort ist nämlich das nächste natürliche Vorkommen von Stieleichen. Auch der Mensch hat natürlich bewusst oder unbewusst für die Ausbreitung von Pflanzen gesorgt. Zu einen sind etwa durch Abkippen von Gartenabfällen zum Beispiel Tomate, Weinrebe, Schneebeere und andere Nutz- und Zierpflanzen am Haldenfuß zu finden. Zum anderen gibt es zahlreiche Hinweise auf Pflanzenarten, die Menschen mit Kleidung und Schuhsohlen eingeschleppt haben. Hierzu gehören Nachtkerzen und Glockenblumen sowie weitere Pflanzen mit sogenannten Klettfrüchten. Einige der genannten Arten werden im Laufe der weiteren Sukzession wieder verschwinden. Es wird sich in jedem Fall aber eine Flora entwickeln, die an die besonderen Gegebenheiten dieser Halde angepasst ist. Wenn man schon meint, Halden rekultivieren zu müssen, dann sollte man sich am Jaspersberg ein Beispiel nehmen und die - oft stümperhaften - Begrünungsversuche unterlassen.

 

- Maria Hauptschacht

Im Jahre 1872 ist die Halde Maria Hauptschacht das erste Mal beschickt worden, 1962 das letzte Mal (endgültige Stillegung der Grube Maria am 30. September!). Zwischen 1973 und 1983 hat eine Rückgewinnung der Kohlebestandteile stattgefunden. In dieser Zeit ist die Halde im südlichen Teil beträchtlichen Veränderungen unterworfen gewesen, was sich später in einer spärlicheren Vegetation äußert, wobei natürlich auch mikroklimatische Bedingungen eine Rolle spielen. Ein Überbleibsel der Rückgewinnung lagert im nordwestlichen Bereich des Haldenkörpers in Form von 250.000 Tonnen getrocknetem Schlamm. Außerdem ist eine 1,5 Hektar große Betonplatte der Halde im Südwesten vorgelagert. Auf ihr haben die Rückgewinnungsanlagen gestanden.

Die als Tafelberg angelegte Bergehalde bedeckt eine Grundfläche von etwa 25 Hektar und erhebt sich 224 Meter über NN, das sind 60 Meter über Flur. Das Schüttvolumen zum Zeitpunkt der letzten Aufschüttung im Jahre 1963 (nach Angaben des EBV von 1990) beträgt 4,97 Millionen Kubikmeter.  Seit 1984 versucht man in Teilbereichen, die Halde systematisch mit Gehölzen zu bestocken.

Erste Naturbeobachtungen beschreibt Gerhard Moll im Jahre 1964:

„Sehr dichte Anpflanzungen von Erlen bedecken den Abhang. Im Sommer fallen hier Schwärme von Bluthänflingen ein und sind im Nu unseren Blicken entzogen. Während des Winters finden die Zeisig- und Stieglitzschwärme an den Erlenzapfen reichliche Nahrung. - Besonders dicht ist der Pflanzenwuchs am Fuße der Halde. Schwarzer Holunder steht in Dickichten von Brennesseln und Rainfarn. Dorthin flitzen bei unserer Annäherung einige Kaninchen. In geducktem Lauf sucht auch ein Volk Rebhühner Unterschlupf in den Stauden. ... Nach einigen hundert Schritten hört plötzlich der Bewuchs der Bergehalde auf. Kahle Hänge von dunklem Schiefergestein zeigen uns, daß wir uns nun am jüngsten Teil des Berges befinden, der erst in den letzten Jahren aufgeschüttet wurde und deshalb noch nicht bepflanzt werden konnte. Aus der Nähe sehen wir aber auch, daß selbst dieses Stück der Halde nicht ohne Leben ist. Wir bemerken eine ganze Reihe von Pflanzen, die sich ohne Hilfe des Menschen angesiedelt haben, z.B. Nachtkerzen mit ihren leuchtend gelben Blüten. Wir beobachten aber auch verschiedene Tiere, die gerade die unbewachsene Halde zu ihrem Lebensraum erwählt haben. Besonders typisch für die Schieferhänge ist der Steinschmätzer, den wir sonst im Aachener Raum sehr selten antreffen, der uns jedoch im Hochgebirge in der Alm- und Feldregion ständig begegnet. Er nistet in Höhlungen zwischen Gesteinsbrocken. - Dort müssen sich auch allerlei Insekten und vor allem Mäuse aufhalten; denn sonst würde man nicht hin und wieder das schlanke Wiesel dahinhuschen sehen.“

 

- Anna 1

Anna 1 ist Alsdorfs älteste Halde und  fällt wegen ihrer Lage an der B 57 jedem Autofahrer ins Auge, der von Würselen kommend auf Alsdorf zusteuert.  Sie ist seit etwa 1850 aufgefahren worden, beinhaltet 15 Millionen Tonnen Berge und brennt bis zum heutigen Tage in Teilbereichen. Hoher Kohleanteil und enormer Druck haben solche Schwelnester entstehen lassen. Das Löschen mit Wasser verbietet sich durch die dadurch drohende Explosionsgefahr. So hat Anna 1 ein besonderes Mikroklima, was sich besonders im Winter zeigt: Sie ist bereits wieder schneefrei, wenn das Umfeld noch in Weiß gehüllt ist.

Dem aufmerksamen Naturbeobachter fallen relativ häufig Greifvögel auf, die über oder am Rande der Halde - oft in großer Höhe - ihre Kreise ziehen. Sie nutzen hier die Thermik aus. Über dem dunklen Bergematerial erhitzt sich die Luft und steigt an den Hängen bis in große Höhen auf. Die Greife lassen sich in diesem Aufwind treiben und schrauben sich so bequem in den Himmel. Andererseits ist das unwegsame Gelände, das so gut wie nie von Menschen aufgesucht wird, ein optimales Jagdrevier. Dabei spielt unter anderem der Reichtum an Kleinsäugern eine ganz wesentliche Rolle.

Der Baumfalke, der schnellste von den Falkenarten, ist allerdings ein geübter Flugjäger. Zu seinen Beutetieren gehören Lerchen und Schwalben. Er reißt seine Beute in der Luft und nimmt dabei auch alle anderen Vögel bis zu Taubengröße, notfalls auch Fluginsekten. Die hier beobachteten Exemplare stammen vermutlich aus dem Brutrevier Further Wald im benachbarten Herzogenrath.

Seitdem der Wanderfalke in einem NABU-Brutkasten auf dem Gelände des Kraftwerkes Weisweiler Junge aufzieht, sieht man diesen tauben- bis rabengroßen Greif auch in Alsdorf wieder häufiger. Er stellt Dohlen, Krähen und Tauben nach, fliegt dabei pfeilschnell durch die Luft und schlägt die Beute im Flug. Dieser Falke sitzt häufig auf dem Boden und verrät sich durch seine Rufe („Kjiak-kjiak“ oder „Gä-gä-gä“).

Der Turmfalke hat dank der Nisthilfen des NABU mehrere Brutreviere in Alsdorf, so zum Beispiel in einem Nistkasten an der katholischen Kirche St. Barbara in Ofden und auf einem Hochspannungsmast bei Duffesheide. Vielen Autofahrern ist dieser Greifvogel bekannt, wenn er heftig mit den Flügeln schlagend, „rüttelnd“ neben den Fahrstraßen in der Luft steht und sich plötzlich wie ein Stein herabfallen lässt. Der „Rüttelfalke“ (so sein volkstümlicher Name) ist unser eifrigster Mäuse- und Insektenvertilger und damit auch häufiger Gast im Bereich der Bergehalden. Er schlägt seine Beute nahezu ausschließlich am Boden.

Der Mäusebussard brütet im Hangwald des Broichbachtales und jagt in freiem Gelände, eben auch auf den Bergehalden. Anders als sein Name erwarten lässt, ist sein Speiseplan durchaus abwechslungsreich. Neben allen Arten von Mäusen nimmt er Frösche, Schlangen, gelegentlich auch Jungvögel. Auch Ratten, Maulwürfe, Hamster und hin und wieder Junghasen zählen zu seinen Beutetieren. Oft genug begnügt er sich aber auch mit Insekten. Ob er der häufigste Greifvogel im Alsdorfer Stadtgebiet ist, mag dahin gestellt sein. Jedenfalls ist er der auffälligste, wenn er allein seine weitausladenden Spiralen zieht und dabei seinen katzenähnlichen Ruf weithin erschallen lässt. Besonders imposant sind aber auch die Balzflüge der beiden Partner. Waltraud Schilke aus Zopp, der so manche Naturbeobachtungen in Alsdorf zu verdanken sind, hat 1997 ein seltenes Erlebnis: zwei Mäusebussarde kämpfen über der Halde mit einem etwas größeren Kolkraben. Immer wieder hat es vorher Meldungen von einem großen Rabenvogel gegeben, jedoch haben die Fachleute nicht so recht daran glauben mögen. Hier ist nun durch den unmittelbaren Größenvergleich der erst sichere Nachweis gelungen. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, daß es sich um ein Exemplar handelt, das einige Zeit vorher aus dem Alsdorfer Tierpark entwichen ist.

Der Sperber schließlich schlägt bevorzugt die kleinen Finken- und Sperlingsvögel, mit etwas Glück auch Schwalben. Das deutlich größere Weibchen wagt sich dagegen auch an Eichelhäher, Drosseln und Tauben. Dieser Greif kommt in letzter Zeit bis in die Gärten der Siedlungen und verunglückt auf der Jagd nach Singvögeln nicht selten an Fensterscheiben.

Neben den Greifvögeln gibt es im Bereich von „Anna 1“ noch weitere Flugkünstler. Es sind dies Mauersegler sowie Mehl- und Rauchschwalben, die oft in großer Zahl über der Halde ihre Jagdflüge veranstalten. Sie kommen von ihren Brutgebieten hauptsächlich der zahlreichen Insekten wegen hierher. Wo keine Insektizide angewendet werden und Herbizide ihre Nahrungsgrundlagen nicht gefährden, ist eine vielfältige Insektenfauna entwickelt.

Die Halde Anna 1 ist 1989 wegen eines Kreuzkrötenbiotops in die Schlagzeilen gekommen. Die Stadt Alsdorf hat eine Verlegung der Prämienstraße entlang dem Haldenfuß geplant, um die Spitzkehre im Bereich des alten Bahnübergangs an der Bahnhofstraße zu entschärfen. BUND und DBV haben sich für das Laichgebiet engagiert und schließlich 1990 bei der Bezirksregierung erreicht, daß das Projekt nicht realisiert worden ist. Zudem ist der Bereich im Landschaftsplan I seit 1991 besonders geschützt. Dennoch hat es in den 90er Jahren wiederholt Bemühungen auf der politischen Ebene gegeben, diesen Schutz durch neue Planungen zu unterlaufen. Immer wieder müssen Naturschützer auch feststellen, daß man versucht, den Biotop durch Aufreißen oder Aufgraben zu zerstören. Dies ist auch in einem Gutachten vom Landschaftsplanungsbüro Inge Schulz (Würselen) von 1997 dokumentiert.

Ende 1999 schreckt der EBV die Öffentlichkeit mit Plänen auf, die brennende Halde zu einem Großteil abzutragen, um Raum für Wohnbebauung und Straßenbau zu schaffen. Dies stößt bei Naturschutzverbänden und Parteien auf heftige Kritik. Der breite Widerstand quer durch Alsdorfer Vereine führt schließlich zur Aufgabe der Planung seitens des EBV.

 

- Anna 2

Anna 2 befindet sich auf der anderen Seite der Prämienstraße. Von der im nächsten Abschnitt behandelten Halde Anna ist sie durch die Alte Aachener Straße getrennt.

Die Masse des hier lagernden Materials beläuft sich auf immerhin 6 Millionen Tonnen. Wie bei Anna 1 handelt es sich um eine ältere Halde, bei der sich noch beträchtliche Kohlemengen unter den Bergen befinden, weil früher der Wirkungsgrad der Kohlenwäschen niedriger gewesen ist. So ist auch hier unter hohem Druck die Kohle durch Selbstentzündung in Brand geraten. Dadurch finden sich noch zahlreiche Schwelnester, wenn auch in wesentlich geringerem Ausmaß als auf Anna 1.

Lange Zeit ist der EBV der Auffassung gewesen, man könne die Halden Anna 1 und 2 erst rekultivieren, wenn sie ausgeglüht wären. In einer EBV-Veröffentlichung aus dem Jahre 1965 heißt es: „Ist eine Halde jedoch ausgeglüht - man erkennt das an der roten Farbe ihres Materials - so ist der Boden völlig tot und steril und eine Bepflanzung erst recht ausgeschlossen.“ Die Natur selbst hat beides widerlegt: Eine Begrünung ist spontan durch zahlreiche Pionierpflanzen erfolgt, wenn auch nicht gerade durch diejenigen, welche die für die Rekultivierung zuständige Forstverwaltung des EBV sich vorstellte. Von Anfang an hat man nämlich an Bäume wie Akazien, Birken, Erlen, Roteichen, Pappeln und Lärchen gedacht. Gewaltige Anstrengungen hat man unternommen, um das Ziel, nämlich bewaldete Halden, zu erreichen. In der erwähnten Abhandlung heißt es weiter:

„Seltsame Dinge geschahen hier im April auf einem mehrere hundert Quadratmeter großen Geländeabschnitt. Weißer Schaum, aus der Ferne kaum von Seifenschaum zu unterscheiden, wurde mehrere Zentimeter hoch in vorher ausgehobene Gräben gesprüht. An einer anderen Stelle wurde der Schaum gleich auf die Oberfläche der Halde aufgetragen und bildete hier ein weithin sichtbares, leuchtend-weißes Rechteck. Arbeiter einer Gartenbaufirma in Moers waren hier im Auftrage des EBV am Werke, um die Natur auf dem ausgeglühten Geröll der Halden zu überlisten und auch da noch eine Pflanzenwuchs hervorzulocken, wo es bisher unmöglich schien. Das Zauberwort, das ‘Sesam-öffne-dich’, das die Natur auf den Halden erschließen soll, heißt Plastsoil. Es ist die Bezeichnung für einen neuartigen Kunstharzschaumstoff, der im Kubikmeter nur ein Gewicht von 5 bis 8 Kilogramm hat und völlig mit Luftlamellen durchsetzt ist. Einem Schwamm vergleichbar, kann er große Mengen Wasser speichern und schafft damit eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Ernährung der Pflanzen, die auf diesem Schaum angesiedelt werden. Ohne die Anwendung des Schaumstoffes würde das Wasser in dem porösen Haldenboden versickern und die Pflanzen müssten verkümmern.

In die mit Plastsoil ausgekleideten Pflanzgräben wurden anschließend zweijährige Bäumchen gepflanzt. Bei einigen von ihnen steckten die Wurzeln in Torfballen, andere wurden ohne diese schützende Hülle in den Geröllboden gesenkt, und an einer dritten Stelle wurde die Schaumfläche mit Gras- und Kräutersamen eingesät. Um die Versuche auch bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen durchzuführen, wurde ein Geländeabschnitt am Nordhang der Halde Anna 1 und ein weiterer am Südhang der Halde Anna 2 ausgewählt.

Es schien so, als ob die Natur selbst die aufsehenerregenden Versuche, die ein starkes Echo in der Presse, im Rundfunk und im Fernsehen fanden, unterstützen wollte: Anhaltende Regenfälle nach der Pflanzung sorgten dafür, daß der Schaum sich reichlich voll Wasser sog und die zarten Pflanzen für ihren Start ein gutes Wasserpolster erhielten.“

Nun, um es kurz zu machen: es ist bei diesen Versuchen geblieben. Zumindest hat man die Maßnahmen nicht an anderer Stelle wiederholt. Die Episode ist aber interessant genug, um ihr hier ein wenig Platz einzuräumen. 

 

- Anna (Noppenberg)

Die Berghalde Anna liegt zwischen den Alsdorfer Stadtteilen Busch und Zopp, ist mit knapp 100 Metern die höchste in Alsdorf und  erstreckt sich entlang der Prämienstraße bis auf Herzogenrather Stadtgebiet.

Der Tagesbetrieb Anna und damit auch die Bergehalde sind am 31. Dezember 1983 stillgelegt worden. Bis dahin hat man die Halde mittels Spülbetrieb aufgefahren. Hierbei ist das Feinkorn in die Hohlräume der abgelagerten groben Berge eingespült worden, wobei man durch dieses Verfahren zwei Ziele verfolgt hat: ausreichende Standsicherheit bei vorgegebener Form sowie Verminderung der Staubentwicklung. 17 Millionen Tonnen Bergematerial lagern im Bereich der Halde, die gelegentlich auch Halde Noppenberg genannt wird. Die beim Spülbetrieb anfallenden Wässer hat man zusammen mit Niederschlägen als Filtrat in Teichen am Haldenfuß aufgefangen.

Seit Stillegung werden diese Stehgewässer nur noch mit Niederschlagsfiltrat gespeist. Viele dieser Gewässer sind bereits gut bewachsen, wobei Froschlöffel, Schilfrohr und Rohrkolben dominieren. Gleich sechs Amphibienarten haben daher auch im Bereich der Halde ihre Laichplätze. Es sind dies Bergmolch, Gras- und Wasserfrosch, Geburtshelfer-, Erd- und Kreuzkröte. Letztere kann bekanntlich als Charakterart der Alsdorfer Halden angesehen werden. Sie bevorzugt zum Ablaichen vegetationsfreie Kleinstgewässer die nur episodisch Wasser führen. Tagsüber halten sich die Tiere unter größeren Gesteinsbrocken, aber auch unter den überall noch vorhandenen Betonresten oder Metallbehältern aus früheren Bergbauzeiten auf.

An den Gewässern kann man auch so manche Vogelbeobachtung machen. Vom Brutplatz in der Ruhezone her kommt gelegentlich der Eisvogel zum Fischen. Stoßtauchend jagt er hier nach Kleinfischen, die sich aus von Enten eingeschlepptem Laich entwickelt haben. Graureiher aus der Alsdorfer Kolonie sind ebenfalls sehr häufig zu beobachten. Einmalig ist dagegen im April 1995 ein Weißstorch auf dem Durchzug zu Gast gewesen. Der Aufenthalt des Fischadlers ist so selten, daß von den Vogelschützern sogar das Datum festgehalten worden ist: 27. April 1996. Man kann - ebenfalls zur Zugzeit - auf den Schlammflächen Bekassine, Bruchwasserläufer, Flußuferläufer, Rotschenkel und Waldwasserläufer entdecken, während der Flußregenpfeifer sogar als Brutvogel nachgewiesen ist. Weiter sind Rohrammer sowie Sumpf- und Teichrohrsänger zu nennen, die im Röhricht und im Weidengebüsch gute Deckung finden. Im Jahre 1997 wird erstmals die Brut des selten gewordenen Feldschwirl von dem Herzogenrather Ornithologen und Landschaftswart Günter Venohr  nachgewiesen, und das gleich an drei Stellen. Auf dem freien Wasser ziehen Stock- und Krickente sowie Bläß- und Teichralle ihre Kreise, allesamt Brutvögel im Gebiet.

Interessant ist auch die sogenannte Ruderalflora. Arten aus dieser Gruppe hat man nach dem Zweiten Weltkrieg „Trümmerpflanzen“ genannt, weil sie seinerzeit sich verstärkt im Bereich zerstörter Wohnbereiche ausgebreitet haben. Vielleicht ist dies der Grund dafür, daß sie zu den sogenannten „Unkräutern“ gerechnet und überall massiv bekämpft werden Ursprünglich sind sie von Natur aus zum Beispiel in den Schutthalden am Fuße von Felsmassiven oder etwa im Überschwemmungsbereich größerer Ströme zu Hause. Hinzu kommen die Neophyten, Pflanzen also, die durch Mitwirkung des Menschen im Laufe von Jahrtausenden neu eingewandert sind. Ein letzter Schub in diese Richtung ist entlang der Eisenbahnlinien erfolgt. Vorläufig letztes Beispiel ist das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens), das in den 90er Jahren einen enormen Siegeszug durch Europa angetreten ist. Ursprünglich in Südafrika beheimatet, breitet es sich zunehmend aus und dominiert im Herbst, zum Teil sogar bis in den Winter hinein, mit seinen gelben Korbblüten das Landschaftsbild. Zur Anpassungsfähigkeit dieses windverbreiteten Kompositen gehört es offenbar, daß von Jahr zu Jahr immer früher blühende Exemplare selektiert werden.  Aus der langen Pflanzenliste sollen hier nur einige Arten exemplarisch genannt werden: Klette, Beifuß, Gänsefuß, Rainfarn, Wegwarte, Kratzdistel, Wilde Möhre, Natternkopf, Wilde Karde, Weidenröschen, Berufskraut, Kamille, Steinklee, Nachtkerze, Goldrute, Gänsedistel und Königskerze. Manche sind sogar mit verschiedenen Arten vertreten. Zu ihnen gesellen sich auch seltenere Pflanzen aus sogenannten Trockenrasengesellschaften. (Wie bereits erwähnt, ist das Bergematerial stellenweise extrem trocken. Zudem entstehen an den südexponierten Hänge hohe Boden- und Lufttemperaturwerte.) In diese Gruppe gehören zum Beispiel Gemeines Katzenpfötchen, Rundblättrige Glockenblume, Golddistel, Echtes Tausendgüldenkraut, Gemeine Hundszunge und verschiedene Malvenarten. Der ganzjährige Blütenreichtum lockt natürlich ein Heer von Insekten an. Zu den hier vorkommenden Schmetterlingsarten zählen Kleiner Fuchs, Trauermantel, Schwalbenschwanz und C-Falter. Auf vegetationsfreien Flächen findet man mit etwas Geduld die Blauflügelige Ödlandschrecke, ein Insekt aus dem Mittelmeerraum, das auf den Bergehalden des ehemaligen Aachener Steinkohlenreviers das zusagende Mikroklima vorfindet. Zusammen mit ihrer Verwandten, der Sichelschrecke, ist sie auf „Anna“ noch recht häufig anzutreffen.

So vielfältig die einzelnen Sukzessionsstadien der Vegetation gerade auf dieser Halde sind, so bunt gemischt ist auch die Vogelschar, die hier einen Lebensraum aus Menschenhand gefunden hat. Neben den bereits behandelten Arten, die mehr oder weniger auf Gewässerbereiche angewiesen sind, gibt es vor allem Bodenbrüter und Vogelarten der Gebüsche und Jungwälder. Es können unmöglich alle 71 bisher beobachteten Vertreter der Avifauna hier aufgelistet werden, jedoch sollen einige die breite Palette verdeutlichen: Buchfink, Baum- und Wiesenpieper, Dorn- und Klappergrasmücke, Feld- und Heidelerche, Goldammer, Hänfling, Kiebitz, Rebhuhn und Steinschmätzer, ferner Hohl-, Ringel- und Turteltaube. Im Abschnitt „Anna 1“ sind die dort vorkommenden Greife ausführlich behandelt, dennoch seien die auf „Anna“ beobachteten Arten zur Vollständigkeit erwähnt: Baum- und Turmfalke, Mäuse- und Wespenbussard, Rot- und Schwarzmilan sowie Habicht und Sperber. Von den Rabenvögeln sind Elster, Raben- und Saatkrähe vertreten.

Mit den Fasanen ist es wie mit den Rehen: Beide sind wohl nicht ursprünglich auf dem Kohleberg zu finden gewesen. Der nächtliche Wechsel des Rehwildes über die Prämienstraße in Richtung Broichbachtal belegt oft genug, daß die Halde ihm weniger zusagt. Die Fasane sind wohl auch nur durch die Maisfutterstellen dauerhaft an dieses Gelände zu binden. Die Ansiedlung der beiden Arten zu Zwecken der Jagd ist in der Vergangenheit seitens des EBV immer wieder bestritten worden.

Von der Prämienstraße aus bietet sich dem Betrachter in den 90er Jahren ein eigenartiges Bild: Von der Deckfläche herab ziehen sich in den Erosionsrinnen grüne Bänder bis hin zum Haldenfuß. Dies ist besonders auffällig, weil sich ansonsten dieser Hangbereich einheitlich blauschwarz, das heißt nackt präsentiert. Geht man dem Phänomen aus der Nähe auf die Spur, so lösen sich die grünen Bereiche in lauter Tomaten-, Kürbis- und Zucchini-Pflanzen auf. Wie kommen die hierhin? Ganz einfach: Der EBV hat versucht, die Halde mit Hilfe von Klärschlamm zu rekultivieren. Auf die Kuppe aufgetragen, ist dieser bald hinabgespült worden. Die Samen der Kulturpflanzen haben die Behandlung der Abwässer in der Kläranlage unbeschadet überstanden und sind gekeimt. Dank des mitgelieferten Nährstoffvorrates haben sie sich zu prachtvollen Gewächsen entwickelt. Natürlich darf dieses Beispiel nicht darüber hinwegtäuschen, daß viele Rekultivierungsversuche fehlgeschlagen sind. Die Natur ist, wie der Jaspersberg beweist, immer noch der bessere Landschaftsgärtner. Die bisher entwickelte Natur ist von selbst gekommen und hat sich außerordentlich vielfältig entwickelt. Im Jahre 1995 hat der Naturschutzbund Deutschland daher an die Bezirksregierung Köln einen Antrag auf Unterschutzstellung gerichtet.

 

Schachtanlage Anna 3

Während die Unterschutzstellung der Graureiherkolonie am Tierpark ein großer Erfolg für den Naturschutz gewesen ist, muss der nachfolgende Fall als dunkles Kapitel in der Geschichte des Kreises Aachen dokumentiert werden.

Die Schachtanlage Anna 3 hat sich im kleinen Stadtteil Neuweiler befunden. Der AZ-Redakteur Thomas Bellartz beginnt seinen Artikel über Maßnahmen in diesem Bereich im Oktober 1993 folgendermaßen:

„Schon lange ist auf dem Gelände der Schachtanlage ‘Anna 3’ in Neuweiler kein Bergmann mehr unter Tage eingefahren. Statt dessen haben andere Bewohner auf dem verwaisten EBV-Gelände Einzug gehalten. In der Pappelschonung, die das Gelände umgibt und den Zechenbau verdeckt, nisten seit 1987 alljährlich Saatkrähen, eine Vogelart, die auf der sogenannten Rote Liste steht.

Die Brutkolonien der Saatkrähe sind geschützt. Das gilt auch für diese Region. Doch im kommenden Jahr werden sich die rund 25 Vogelfamilien neue Nistplätze suchen müssen. Einige Dutzend Pappeln, das Gros der Schonung, fielen zu Beginn der Woche der Säge zum Opfer.“

In demselben Artikel äußert sich der EBV-Bergwerksdirektor Johannes Klute: „Der Schacht muss mit großen Mengen möglichst schnell verfüllt werden. Die LKW-Frequenz zur Heranschaffung des Materials wäre nicht erträglich. Daher wurde das Gelände in Abstimmung mit der Landschaftsbehörde für die Dauer von einem Jahr umgewandelt.“ Umgewandelt bedeutet in diesem Fall unter anderem, daß die Pappeln gefällt worden sind. In dem Zeitungsartikel heißt es weiter:

„Aus Sicht von Karl Gluth, Naturschutzbeauftragter des Deutschen Bundes für Vogelschutz (DBV), Kreis Aachen, hätte die Untere Landschaftsbehörde dies verhindern müssen. Bereits im Mai 1990 bat Gluth schriftlich darum, die Saatkrähenbrutkolonie als Naturdenkmal im Landschaftsplan 2, Neuweiler, EBV-Gelände Anna 3, auszuweisen. Seinerzeit formulierte Gluth: ‘Da der EBV 1992 schließt, ist Eile geboten. Jetzt, im April 1990, hat der EBV an der Grube Emil Mayrisch einen Pappelwald sogar in der Brutzeit gefällt.’ Auf die Reaktion der Unteren Landschaftsbehörde wartete Gluth 14 (!) Monate. Die war jedoch positiv. In dem Antwortschreiben, unterschrieben von Hans Graf, heiß es unter anderem: ‘Derzeit ist meines Erachtens die Ausweisung als geschützter Landschaftsbestandteil unter der Nr. 2.4-58 ein ausreichender Schutz für den Pappelbestand mit darin nistenden Saatkrähen.’ Noch wichtiger: ‘Eine von Ihnen gegebenenfalls befürchtete Pappelfällung in diesem Bereich würde gegen die Bestimmungen des Landschaftsplanes verstoßen.’ In einem Brief an den Vorsitzenden des Kreisverbandes Aachen-Land, Naturschutzbund Deutschland, Wolfgang Voigt, schreibt Graf im Oktober 1993: ‘Die Saatkrähenkolonie ist mir erst seit diesem Jahr bekannt.’

Karl Gluth gegenüber unserer Zeitung: ‘Der Landschaftsbeirat ist zwar über das Fällen der Pappeln informiert worden, nicht aber darüber, daß dort Saatkrähen nisten. Das hat mir der Vorsitzende Manfred Rogner persönlich bestätigt.’ Hans Graf bestreitet dies in seinem Schreiben vom Oktober an Gluth schriftlich. Zudem belehrt er Gluth, daß dieser weder widerspruchs- noch klageberechtigt sei, zudem den Sachverhalt nicht kenne oder ortsunkundig sei. Schließlich handele es sich bei dem kritisierten Genehmigungsverfahren ‘nicht um ein Naturdenkmal, sondern um einen geschützten Landschaftsbestandteil’, der nicht wegen einer Saatkrähenbrutkolonie unter Schutz gestellt worden sei. Daher habe kein anerkannter Naturschutzverband an dem Verfahren beteiligt werden müssen.“

Auch Gerhard Moll geht in seinem Bericht „Das Vogeljahr 1993“ auf die Fällaktion ein: „Das traurigste Ergebnis vorweg: Im Oktober 1993 ratterten die Motorsägen und vernichteten die Brutstätten von Saatkrähen, obwohl diese Art durch Bundes- und Landesgesetz streng geschützt ist. 1987 siedelten die Saatkrähen, die immer kolonienweise brüten, von Herzogenrath-Merkstein nach Alsdorf-Neuweiler um, und zwar in zahlreiche Pappeln innerhalb des Grubengeländes von Anna 3. 1993 gab es dort nach meiner Zählung 24 Nester. Als nun im Zuge der Zechenstillegung Platz für Verfüllmaterial benötigt wurde, erhielt der EBV die Erlaubnis zum Fällen der Brutbäume. Das Schlimmste daran ist, daß diese Genehmigung ausgerechnet von derjenigen Kreisbehörde erteilt wurde, deren Aufgabe es ist, den Schutz der heimischen Landschaft und ihrer Tierwelt zu garantieren. Wenn im Vorfrühling die Saatkrähen aus ihrem Winterquartier zurückkommen, werden sie sich neue Nester an anderer Stelle bauen müssen (vielleicht mitten in der Stadt, wie 1993 in der Wilhelmstraße in Aachen); ob die Anwohner dann begeistert sein werden?“

Übrigens: Der letzte Satz ist wie eine Prophezeiung. Tatsächlich zieht ein Teil in den Alsdorfer Südpark in der Nähe des Denkmalplatzes um. Offensichtlich durch Baumaßnahmen im Bereich der gegenüberliegenden Hauptpost gestört, landen sie schließlich 1997 in den hohen Bäumen am St. Brieuc - Platz und gründen eine Kolonie mit zunächst 26 Nestern.  

 

Bergsenkungsgewässer

Stellvertretend für die Bergsenkungsgewässer soll hier der sogenannte „Sueren Pley“ („dr suure Plei“, „Saurer Platz“) beschrieben werden. Er ist das größte und auffälligste auf Alsdorfer Stadtgebiet und liegt zwischen Alsdorf und Übach-Palenberg nördlich des Nordfriedhofs mitten in der Feldflur, nahe der Bundesstraße 221. Durch den nicht mehr genutzten Bahndamm der ehemaligen EBV-Strecke zur Halde Carl-Alexander im benachbarten Baesweiler wird das Gelände in zwei unterschiedliche Bereiche geteilt. Im südlichen Teil finden wir ein offenes Gewässer mit ausgeprägtem Schilfgürtel, nördlich der Bahn eine Korbweidenkultur. Während die Korbweiden regelmäßig in Etappen auf den Stock gesetzt werden, bleibt das gesetzlich geschützte Röhricht unbeeinflusst. Hier mischen sich Breitblättriger Rohrkolben, Ästiger Igelkolben und Flut-Schwaden unter das bestandsbildende Schilfrohr.

Der Ursprung des Senkungsgewässers ist auf das Jahr 1950 zurückzuführen. Damals hat sich, bedingt durch den Steinkohleabbau des EBV, vom Ausgangspunkt Franzschacht auf dem Annagelände an der Bahnhofstraße aus, das Gelände um etwa 18 Meter gesenkt. Durch die vorangegangene Landwirtschaft und die Senkung selbst ist der Boden so stark verdichtet gewesen, daß das in die Senke hineinlaufende Regenwasser nicht mehr versickern konnte und somit ein Gewässer bildete, welches in seiner größten Ausdehnung immerhin 1,44 Hektar betragen hat. Vor diesem Ereignis ist hier durchschnittliches Ackerland mit einer Qualität von 65 Bodenpunkten gewesen.

Thorsten Renner schreibt in seiner Arbeit: „Der Landwirt, der dieses Ackerland gepachtet hatte, mußte weiter die volle Pacht an den Besitzer bezahlen, bekam aber vom EBV für die nicht bewirtschaftbare Fläche eine Entschädigung. Ca. 1960 startete der EBV den Versuch einer Bohrung, um so das Wasser abfließen zu lassen. Dieser Versuch missglückte, als man auf stark verdichtete und undurchlässige Schichten stieß. Ein stiller Zeuge ragt noch immer aus dem Wasser empor...  1979 lag das Gebiet ... trocken und wurde auch voll bewirtschaftet. Doch der verregnete Herbst setzte die Senke wieder unter Wasser. ... 1991 kaufte der EBV das Gelände und im Rahmen des Landschaftsplanes Baesweiler-Alsdorf-Merkstein  wurde das Bergsenkungsgewässer zum Naturdenkmal erklärt.“ Noch in der Entwurfsphase zum Plan erklärt der Leiter der EBV-Bergschädenabteilung, Dr. Bodo Varnhagen, die Bergsenkungsgewässer seien keine echten Feuchtbiotope, da sie nicht aus Grundwasser gespeist würden. Der Vergleich mit dem Jaspersberg, der keinen Wald tragen sollte, drängt sich hier auf! Jedenfalls belegt eine lange Artenliste aus der Bestandsaufnahme des NABU, daß es sich hier sehr wohl um ein Feuchtbiotop von überregionaler Bedeutung handelt, auch wenn es im Sommer 1996 wieder einmal vorübergehend völlig trockengefallen ist.

Es sind im wesentlichen drei Tiergruppen, welche von diesem Sekundärbiotop profitieren: die Libellen, die Amphibien und die Vögel.

Unter den hier vorkommenden Libellenarten findet man die Plattbauch-Libelle, die Große Königslibelle und den Großen Blaupfeil. Häufigste Art ist die Gemeine Heidelibelle, während man Hufeisenazurjungfer, Gemeine Binsenjungfer und Gemeine Pechlibelle seltener antrifft.

Der Sueren Pley bietet Laichplätze für den Grasfrosch und die Erdkröte. Der Teichmolch lebt in den stark durchkrauteten Gewässerbereichen. Die Kreuzkröte ist hier auch schon gefunden worden, obwohl sie eigentlich andere Lebensräume bevorzugt.

Die größte Anziehungskraft übt das Gelände auf die Vogelwelt aus. Nicht weniger als 113 verschiedene Vogelarten haben Mitarbeiter des Naturschutzbundes hier im Lauf der Zeit registriert, darunter Allerweltsarten aber auch ausgesprochene Raritäten, meist auf dem Durchzug oder als Wintergäste. Das größte Rätsel gibt den Ornithologen dabei ein Seidenreiher auf, der im Oktober 1996 hier ist und sich gar mit einem Graureiher streitet. 

Über ein frühes Erlebnis lesen wir bei Gerhard Moll:

„Ich weiß noch ganz genau, wie am 15. März 1957 ein Mitglied des Alsdorfer Eifelvereins zu mir kam und berichtete, er hätte am ‘Sueren Pley’ beim Nordfriedhof zwei merkwürdige Vögel gesehen, schwarz-weiß, taubengroß und mit einer auffallenden Federhaube. Sofort tippte ich auf Kiebitz, war aber sehr misstrauisch, denn bis dato hatte ich diese Vogelart nur auf den Marschwiesen an der Nordsee gesehen. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr in Richtung Boscheln. Dort waren tatsächlich zwei Kiebitze, die ersten im Nordkreis. Sie balzten eifrig mit lautem ‘Kiewitt-kiewitt’. Einige Wochen später stellte ich die Brut fest. Seit Ende der 50er Jahre nahm der Bestand ständig zu und erreichte am Anfang der 80er Jahre mit 20 Paaren auf acht Kilometer Feldlinie den Höchststand. Dann erfolgte eine allmähliche Abnahme. 1989 waren es nur noch sieben Kiebitzpaare. Aber 1995 stellte ich schon wieder 17 fest, und damit ist zu erwarten, daß diese Art bei uns erhalten bleibt.“ (aus: Das Vogeljahr 1995)

Das Bergsenkungsgewässer ist im Jahre 1997 durch Straßenplanungen gefährdet: Die L 240n soll zwischen dem „Sueren Pley“ und dem Nordfriedhof verlaufen. Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen sowie die CDU-Stadtverordneten Peter Dzinga, Jörg Graffius, Manfred Rohr und Karl-Bernd Stollenwerk folgen der Argumentation der Verbände BUND, NABU und VCD gegen die Trasse, werden aber von der Rest-CDU und der SPD überstimmt. Dadurch wird vom Alsdorfer Stadtrat nicht nur die naturfeindlichste, sondern auch die teuerste Variante favorisiert.

© Wolfgang Voigt 2001