Wolfgang Voigt

Natur in Alsdorf – ein naturkundlicher Spaziergang

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Teil 6 : Biotope aus Menschenhand

 

Die Sand- und Kiesgruben

 

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, hat sich der Broichbach in ausgedehnte Schotterablagerungen der einstmals hier fließenden Maas eingegraben. So verwundert es nicht, daß entlang des Tales auf den Höhen nacheinander eine Kette von Sand- und Kiesgruben erschlossen worden ist. In der Regel gilt bei solchen Nutzungen: Auskiesen, Verfüllen, Rekultivieren. Erst in den 90er Jahren setzt sich mehr der Naturschutzaspekt durch, nämlich die Erkenntnis, daß diese Gruben - der Natur überlassen - sich zu wertvollen Sekundärbiotopen entwickeln. Sie bieten Lebensraum aus Menschenhand all denen Arten, welche z.B. durch die Begradigung der Flüsse ihre angestammten Reviere verloren haben.

(Siehe auch unter: Deponien !)

 

- Euchener Heid

Von den zahlreichen Kiesgruben entlang des Broichbachtales ist lediglich diese übriggeblieben. Fast hätte auch sie das Schicksal der anderen ereilt, wenn es 1985 nach dem Willen des damaligen Bürgermeisters Josef Thelen gegangen wäre. Er hat verfügt, diese „Mondlandschaft“ (Landschaftsschutzgebiet!) mit Erdaushub aus der Billigbaumaßnahme Siedlung Blumenrath zu verfüllen. Durch den konsequenten Einsatz der beiden Naturschutzverbände BUND und Deutscher Bund für Vogelschutz sowie der Gruppe Broichbachtal hat man das Schlimmste verhindern können. So sind die meterhohen Steilwände, die vegetationsarmen Sukzessionsflächen und die zahlreichen Tümpel erhalten geblieben. Durch den mittlerweile rechtskräftigen Landschaftsplan genießt die Grube einen strengeren Schutz.

Während der angesprochenen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit ist es - vor allem auch in der Tagespresse - üblich geworden von „Euchener Heid“ zu sprechen, obwohl die ursprüngliche Flurbezeichnung „Eucher Heid“ gewesen ist. „Eucher“ wie „Euchen“ könnten beide auf die Verkleinerungsform von „Aue“ (Äuchen = Kleiner Feuchtbereich) zurückzuführen sein, so daß die „Eucher Heid“ nicht unbedingt mit dem jetzigen Stadtteil Würselens zu tun haben muss.

In der ehemaligen Grube wechseln Steilhänge mit ebenen Flächen, Trockenbereiche mit Klein- und Kleinstgewässern ab. Die sukzessive Begrünung mit Bäumen, Sträuchern, Hochstauden und Kräutern ist bisher recht unterschiedlich verlaufen. Somit haben wir ein Biotopmosaik auf engstem Raum, das Kleinsäugern, vielen Vogelarten, Kröten, Fröschen und Molchen Lebensraum bietet. Auch die Insekten sind vielfältig vertreten, hervorzuheben sind hier Libellen, Sandwespen und Grashüpfer.

 

- An der „Bärenkuhl“

Der Name bezieht sich auf eine Gemarkung in der Nähe. Es handelt sich um eine ehemalige Kiesgrube, die an der heutigen B 1 zwischen Broichweiden und Mariadorf ihren Anfang nimmt. Längst verfüllt, stellt sie angrenzend an das Gelände des Teerwerks VAMA eine Brachfläche dar, die teils trockenrasenähnliche Strukturen, teils in Sukzession befindliche Jungwaldflächen trägt. Sie ist Bestandteil eines Landschaftsschutzgebietes.

Unmittelbar am Zaun zum Werk gibt es im Jahre 1999 eine kleine botanische Sensation. Hermann Schmaldienst entdeckt im Juni sieben blühende Exemplare einer Orchideenart, die Wolfgang Voigt als Hundswurz (Anacamptis pyramidalis) bestimmt. Später im Monat zählt Matthias Bülles weitere 77 Exemplare auf dem Gelände. Die Pyramidenorchis wird von Erich Savelsbergh, dem bekannten Orchideenkenner des Aachener Raumes, in einer 1970 veröffentlichten Studie für den Pietersberg bei Maastricht, für Limburg und die Dürener Muschelkalkzüge angegeben. Die Alsdorfer Naturschützer vermuten, daß die Art mit Steinbruchmaterial eingeschleppt worden ist. Jenseits des Zaunes lagern nämlich ausgedehnte Schotterhalden für die Teerherstellung. Vielleicht sind so auch die Vorkommen weiterer Orchideenarten in der näheren und weiteren Umgebung zu erklären. Es sind dies das Große Zweiblatt (Listera ovata), das Übersehene Knabenkraut (Dactylorhiza praetermissa), die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und die Breitblättrige Sitter (Epipactis helleborine).

Der Jülicher Experte Robert Mohl stellt auf einer Begehung des Gebietes im Sommer 1999 insgesamt 296 Pflanzenarten fest. Darunter ist eine Reihe weiterer bedrohter und seltener Arten, z.B. das Rotgelbe Fuchsschwanzgras, die Schlitzblättrige Karde, das Wiesen-Habichtskraut, das Florentiner Habichtskraut, der Straußfarn, die Schwarz-Pappel und die Rotblättrige Rose. (Die Zahl der angetroffenen Arten ist mittlerweile sogar auf 331 angestiegen!)

 

- Sandgrube am Broicher Bend

Die ehemalige Sandgrube am Broicher Bend, größtenteils auf Würselener Stadtgebiet, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Über viele Jahre hat sie  eine Uferschwalbenkolonie in der Steilwand Richtung Broicher Siedlung und ein Feuchtgebiet an ihrem Fuße besessen. Letzteres ist durch landwirtschaftliche Maßnahmen (Maisanbau! Düngereinsatz!) zerstört worden. Auch die Schwalbenkolonie ist 1985 nach fast 30 Jahren verlassen worden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Kolonie vorübergehend auf bis zu 178 Brutpaare (1970) angewachsen. Zum Vergleich: In den Nievelsteiner Sandwerken im benachbarten Herzogenrath wird 1980 die Maximalzahl mit 400 Niströhren erreicht.

Gerhard Moll erwähnt die Kolonie 1970 in einem Exkursionsbericht für die Lokalpresse: „Etwas Besonderes bot ein Abstecher zu den Broicher Kiesgruben. Dort konnte eingehend das Treiben in einer Uferschwalben-Kolonie betrachtet werden. Mehr als 130 Brutröhren haben die kleinen, oberseits bräunlichen Schwalben in die steilen Sandhänge gegraben. Obgleich anscheinend alle Höhlen besetzt waren und wohl schon z.T. Junge enthielten, flog ein offensichtlich wohnungssuchender Spatz von einem Loch zum anderen und schaute nach, ob etwas für ihn frei sei. Alsbald wurde er von empörten Uferschwalben vertrieben.“

62 Brutröhren sind es 1982 noch gewesen, als in der „Aachener Volkszeitung“ die Schlagzeile „Steilwand unter Schutz: Uferschwalben gerettet“ erschienen ist. Ferner ist da zu lesen:

„Handfesten Naturschutz praktizierte nun die Alsdorfer Ortsgruppe im Deutschen Bund für Vogelschutz. Ein Steilhang einer Kiesgrube am Rande der Broicher Siedlung wurde dank des Einsatzes der Vogelschützer gerettet. Denn dort sind Uferschwalben heimisch geworden. Genau 62 Brutröhren hat Gerhard Moll, Vorsitzender der Ortsgruppe, in dieser Steilwand, die vier Meter hoch und rund 40 Meter lang ist, gezählt.

Die Kiesgrube im ‘Broicher Bend’ zwischen  der Kläranlage und dem Kloster Heilig Geist wurde bis zum Jahre 1981 ausgebeutet und danach rekultiviert. Die Vogelschützer haben nun einen Pachtvertrag abgeschlossen. Sie wollen sich damit intensiv um die Brutstätten der Uferschwalben kümmern. Das Gelände drumherum ist bereits eingezäunt. Nun soll noch eine Hecke angepflanzt werden, damit die Vögel ungestört brüten können.“

Wie bereits erwähnt hat man die Kolonie nicht auf Dauer retten können. 1985 haben die Vögel den „Broicher Bend“ verlassen. Nach Abbauende haben vermutlich die frischen Abbruchkanten als Anreiz für die Tiere gefehlt. 

Zwischenzeitlich wird dann die ehemalige Grube mit Bodenmaterial überdeckt und zum Maisanbau genutzt. Die Talaue ist durch Düngereinsatz bedroht. Deswegen stellt der NABU an den Kreis Aachen den Antrag, das Gelände aufzukaufen. Dies geschieht dann 1997. Damit ist eine Herstellung der ursprünglichen Laichgewässer und der Steilwand möglich. Im Jahre 1999 übernimmt der NABU die Patenschaft für die wiedergewonnene Naturzone. Landrat Carl Meulenbergh überreicht am 25. Mai die entsprechende Urkunde an Wolfgang Voigt, den damaligen 1. Vorsitzenden des NABU Aachen-Land e.V.

 

 

Die stillgelegten Bahnlinien 

 

Die Eisenbahnstrecke Stolberg-Alsdorf ist im September 1871 fertiggestellt worden, zunächst nur für den Güterverkehr und den Abtransport der Kohle genutzt. Personenverkehr ist hier erst ab Januar 1872 gestattet worden.

Auf der Strecke Würselen-Hoengen hat die Aachener Industriebahn AG im September 1875 mit dem Gütertransport begonnen, wobei Ofden eine eigene Bahnstation bekommen hat.

1881 hat die Grube Maria einen Anschluss an die Strecke nach Stolberg erhalten, verbunden mit Bau und Inbetriebnahme des Bahnhofs Mariagrube. Im darauffolgenden Jahr ist an der im Ausbau befindlichen Strecke Aachen-Jülich die Station „Bahnhof Warden“ eingerichtet worden (ab 1900: Bahnhof Hoengen). Im Herbst desselben Jahres ist die Strecke von Hoengen nach Jülich fertiggestellt.

Seit Juli 1891 ist die Strecke Stolberg-Alsdorf bis Herzogenrath fortgeführt.

Im Dezember 1897 hat man die Grubenanschlussbahn Euchen - Schacht Gemeinschaft fertiggestellt, deren Bahndamm in Resten heute noch zwischen Birk und Duffesheide in der Feldflur erkennbar ist. Da hier nie Kohle gefördert worden ist, hat diese Bahnstrecke wenig Nutzen gebracht.

Im Januar 1900 ist eine Schmalspureisenbahn von Geilenkirchen nach Alsdorf („Heggeströver“, bis 1953) dazugekommen, der Bergleute aus dem Nachbarkreis zur Grube Anna gebracht hat. Die Schienen sind 1953 entfernt worden.

Weitere Daten zu Einstellungen des Bahnbetriebes sind: Abschnitt Mariagrube - Aldenhoven im Oktober 1984, dann der Gesamtbetrieb der Bundesbahnstrecke Aachen-Nord - Jülich am 31. Oktober 1984 und schließlich der Personalverkehr Stolberg - Alsdorf - Herzogenrath am 31. Dezember 1984.

Bahnlinien sind, seitdem es sie gibt, Einwanderungstrassen für viele sogenannte Neophyten, das heißt für Pflanzen, welche mit Frachtgut oft aus fremden Ländern nach Deutschland neu eingeschleppt worden sind. Von hier aus haben sie sich dann neue Lebensräume erobert. So findet man zum Beispiel in der Pionierflora der Bergehalden manche Vertreter dieser Gruppe. An Bahndämmen, welche regelmäßig befahren worden sind, hat die Deutsche Bundesbahn lange Zeit durch Einsatz von Herbiziden den Bewuchs bekämpft, während heutzutage sanftere Methoden angewendet werden.

Anders sieht dies an stillgelegten Strecken aus. Ornithologisch gut untersucht sind zwei Bereiche, die zudem im Kontrast zueinander stehen.

Da wäre zunächst einmal der Bahndamm bei Hoengen. Das weitgehend offene Gelände mit Heckenstrukturen und Staudenfluren bietet selten gewordenen Arten wie Wiesenpieper, Steinschmätzer und Schwarzkehlchen Brutraum. Auch das Braunkehlchen ist, zumindest in den 70er Jahren, noch beobachtet worden. Der Sumpfrohrsänger baut hier regelmäßig sein Nest in den dichten Brennesselbeständen. Fasan und Kiebitz finden sich hier ebenso ein wie Mäusebussard, Turmfalke und Steinkauz. Dorngrasmücke, Feldlerche, Feldsperling und Hänfling sowie Gold- und Grauammer sind ebenfalls typisch für diesen Biotoptyp.

Anders sieht es schon im Bereich des Bahndammes in Alt-Ofden aus. Er ist stark zugewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Die Gras- und Krautschicht ist hier fast geschlossen. Selbst in den Fugen zwischen den Steinen der Unterführung wachsen Gräser und Farne, darunter die gar nicht mehr so häufige Mauerraute. An den brombeerüberwucherten Hängen des Dammes findet man unter anderen das zarte Moschuskraut, die Allerweltsart Rote Lichtnelke, aber auch eine im Broichbachtal noch vorkommende, einheimische Orchidee, die Breitblättrige Sumpfwurz. Waldeidechsen und Blindschleichen lieben diesen dichten Bewuchs ebenso wie die Erdkröte. Unter den hier festgestellten Vogelarten sind dann auch viele Waldbewohner wie Bunt-, Klein- und Grünspecht, Kleiber, Eichelhäher, Kuckuck, Nachtigall, Pirol, Waldlaubsänger und Turteltaube.

Im Herbst 1997 kauft der Kreis Aachen den Alten Bahndamm zwischen dem benachbarten Würselener Stadtteil Euchen und Alsdorf-Mariadorf. Diese Sicherstellung für die Natur ist möglich geworden, nachdem die Stadt Alsdorf ihre ursprünglichen Pläne, darauf einen Fahrradweg zu errichten, aufgegeben hat. Nach Eigentumswechsel kann seitens des neuen Besitzers die wilde Reiterei unterbunden werden, welche diesen empfindlichen Bereich belastet.

 

 

Die Deponien

 

- Bauschuttdeponie Blumenrath

Auf dem Gelände der ehemaligen Bauschuttdeponie zwischen Broicher Weiher und Blumenrath hat sich ursprünglich ein Laubmischwald befunden. Mitte bis Ende der 60er Jahre ist der Waldbestand gerodet worden, um eine Kiesgrube zu gründen. Die Firma DAVID hat diese ab 1970 planmäßig betrieben. Das Material ist hauptsächlich für den Autobahnausbau zwischen Hoengen und Aachen verwendet worden. (Vergleiche auch: Aufforstungsbereich Blumenrath!)

Nach der Auskiesung hat dieselbe Firma seit 1974 die Grube mit einem Volumen von 1,5 Millionen Kubikmetern verfüllt, zunächst hauptsächlich mit etwa 700.000 Kubikmetern Erdaushub aus dem Autobahn- und Kanalbau. Im September 1976 ist der Bereich als Bauschuttdeponie zugelassen worden. Seitdem sind weiteren 800.000 Kubikmeter Bauschutt, aber auch Asphaltfeinbeton, Bitukies und Erdaushub, sowie Glasbruch der Firma PHILIPS nach Blumenrath gefahren worden.

Zur weiteren Geschichte dokumentiert Frank Laschet in seiner Arbeit folgendes:

„Gleichzeitig betrieb Horst Vanforsch die Firma „Chemisches Werk Stolberg“. Dieser Betrieb bereitete in einer Destillationsanlage Rückstände aus Chemischen Reinigungen auf. Die wiederverwertbaren Stoffe gingen zurück an die Wäschereien. Jedoch fielen bei dem Verfahren giftige Schlämme an, die man in Fässer zu je 200 Liter verfüllte. Die in den Fässern verfüllten chemischen Reinigungsabfälle enthalten Schwermetalle, lösliche Zinkverbindungen und vor allem den als krebserregend einzustufenden Kohlenwasserstoff Tetrachlorethen (auch ‘Perchlorethylen’, kurz ‘PER’ genannt). Über 20.000 dieser Fässer lagerten auf dem Firmengelände und drohten, vom Rost zerfressen zu werden und die gesamte Umgebung zu vergiften.

Was war zu tun? Nach langem Hin und Her widerrief der Kölner Regierungspräsident (kurz ‘RP’) die Firmengenehmigung

In dem Schreiben des Regierungspräsidenten an Horst Vanforsch vom 26. Februar 1980 heißt es dazu: ‘Der Zustand stellt eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Nach einem Gutachten des Chemischen Untersuchungsamtes der Stadt Aachen sind die bei Ihnen anfallenden Schlämme nicht unbedenklich. So wird in dem Gutachten darauf hingewiesen, daß im Hinblick auf die in den Schlämmen vorhandenen Löslichen Zinkverbindungen ein Grundwasserkontakt verhindert werden muß.’

Jetzt mussten die Giftfässer aus Stolberg weg. Hier bot sich die alte Kiesgrube in Blumenrath am besten an. Da es sich hier jedoch um eine Bauschutt-Deponie und nicht um eine Giftmülldeponie handelte, erweiterte der Regierungspräsident am 19. Januar 1977 einfach seinen Bescheid.

Jetzt dürfen auch ‘Schlämme aus der Destillationsanlage der Firma Chemisches Werk, Horst Vanforsch, Stolberg, gelagert werden.’

Außerdem erlässt er 1978 eine Ordnungsverfügung, so daß mindestens 100 Fässer pro Woche nach Blumenrath gebracht werden müssten. Geschah das nicht, so wurde Zwangsgeld von der Stolberger Firma verlangt.

Durch einen Gerichtsbeschluss von 1982 wurden weitere Einlieferungen von Giftfässern gestoppt. Nach einer Erklärung von Horst Vanforsch sollen über 2500 Fässer nach Blumenrath gekommen sein.“ (LASCHET, 1994)

Im Mai 1991 hat sich die Alsdorfer Bürgerinitiative „Vorsicht Giftfässer“ gegründet, deren Erster Vorsitzender Peter Dzinga schon Jahre vorher in dieser Angelegenheit gegen die Behörden gekämpft hat. Ein großer Erfolg dieses Zusammenschlusses von Bürgern und Naturschutzverbänden ist der Beginn der Probesanierung im Juli 1996, zwei Jahre nachdem die Bezirksregierung Köln das gesamte Verfahren auf den Kreis Aachen übertragen hat. Der Brunnen hat einen Durchmesser von 30 Zentimetern und eine Tiefe von 40 Metern. Der Hochleistungsfilter aus Edelstahl arbeitet mit Aktivkohle. Das derart gereinigte Grundwasser wird dem Broichbach zugeleitet. Alleine die Kosten der Probesanierung werden auf 400.000 DM beziffert.

 

- Hausmülldeponie Alsdorf

Die Flurbezeichnung „Am Kiesschacht“ deutet heute noch auf eine ehemalige Kiesgrube im Bereich Blumenraths hin. Nach der Auskiesung hat man das Loch mit Müll verfüllt.

Die Mülldeponie zwischen Broicher Siedlung und Blumenrath ist insgesamt 15 Hektar groß gewesen. Man hat sie nach der Einstellung des Betriebes im Rahmen der allgemeinen Rekultivierung mit Erde abgedeckt. (Die Nachfolgedeponie mit einer Größe von 6 Hektar hat sich in Busch befunden.) Die Deponien sind im Altlastenkataster erfasst, da sie wegen möglicher Schadstoffaustritte eine Gefährdung für Boden und Grundwasser bringen könnten.

Im Jahre 1977 hat man mit der eigentlichen Rekultivierung in einem ersten Abschnitt begonnen. Nachdem im Sommer Lupinen eingesät worden sind, hat man ab Dezember auf einem Areal von 5,5 Hektar insgesamt 30.000 Bäume gepflanzt. Die Jungpflanzen sind zu diesem Zeitpunkt etwa 50 bis 100 Zentimeter groß gewesen. 18.000 Rotbuchen und je 6.000 Roteichen und Roterlen haben zu jener Zeit dazu beigetragen, daß Alsdorfs Waldbestand um ein Viertel vergrößert worden ist.

1985 ist die Rekultivierung fortgesetzt worden. Es ist der sogenannte Aufforstungsbereich Blumenrath entstanden, der sich bis zu Bundesstraße 1 hinzieht. (siehe dort!) 

 

- Kreismülldeponie Warden

1979 beginnt südöstlich von Warden in der Gemarkung Kinzweiler die Errichtung einer Mülldeponie im Bereich des ehemaligen Braunkohletagebaus. Sie wird ab 1983 vom Kreis Aachen betrieben und nimmt unter anderem auch den Hausmüll der Großstadt Aachen auf. Am 6. April, dem Eröffnungstag, ist es allerdings Eschweiler Müll, mit dem die Anlage eingeweiht wird.  Die Deponie umfasst schließlich eine Gesamtfläche von 47 Hektar. Das Zieldeponievolumen liegt bei knapp 6 Millionen Kubikmeter Abfallstoffe. Die zu rekultivierende Fläche beträgt 37 Hektar.

Gerhard Moll hat zusammen mit anderen aktiven Naturschutzbund-Mitgliedern das Gelände von Beginn an unter Beobachtung. So sind in seinen Tagebüchern vor allem Vogel- und Pflanzenwelt gut dokumentiert, zum Teil auch aus der Zeit vorher, als hier noch eine Braunkohle-Tagebaugrube gewesen ist. So ist den Aufzeichnungen zu entnehmen, daß hier von 1978 bis 1984  Uferschwalben eine Kolonie in den Abbruchkanten gegründet haben. Mit Eröffnung der Deponie ist die Lachmöwe präsent, auch wenn seinerzeit Kreisverwaltungs-direktor Karl Wilhelm Nellessen in der Lokalpresse versprochen hat: „Die Möwen werden nicht kommen.“ In manchen Wintern erreichen sie gar eine Stückzahl von 5.000. Interessant ist der deutliche Rückgang der Art an Wochenenden und Feiertagen, wenn die Deponie nicht beschickt wird. Dann findet man die Tiere zu Hunderten weit verstreut auf den umliegenden Feldern, am neu entstehenden Blausteinsee oder an weiter entlegenen Gewässern, so zum Beispiel dem Alsdorfer Weiher. Schnell gesellen sich weitere Vertreter aus der Möwenfamilie wie Silber-, Sturm- und Heringsmöwe hinzu. Es ist auch schon einmal eine ausgesprochene Rarität darunter, wie die Weißkopfmöwe (Larus cachinnans) im November 1995. Auf dieses Jahr beziehen sich auch folgende Ausführungen von Gerhard Moll:

„Auch 1995 wurde monatlich einmal der Vogelbestand auf der Mülldeponie in Warden kontrolliert. Mancher mag sich wundern, warum die Ornithologen ausgerechnet an solch ‘anrüchiger’ Stelle vogelkundliche Beobachtungen anstellen. Zwar bemüht man sich seit langem schon darum, vom Hausmüll die kompostierbaren Garten- und Küchenabfälle zu trennen und besonderen Anlagen zuzuführen; aber immer noch finden Tausende von Vögeln auf der Deponie genug Fressbares. Den Vogelkundlern stellen sich unter anderem folgende Fragen:

1. Welche Vogelarten suchen auf der Deponie nach Nahrung? Bisher konnten dort mehr als 20 Arten festgestellt werden, vor allem aus den Familien der Möwen- und Rabenvögel.

2. Ist die Anzahl der Nahrungsgäste in allen Monaten gleich? Nein, im Winterhalbjahr halten sich bedeutend mehr Vögel auf der Deponie auf.

3. Woher stammen sie? Nur wenige Vögel haben ihre Brutheimat auf der Deponie oder in deren näherer Umgebung. Dazu gehören z.B. verwilderte Haustauben - sogenannte Straßen-tauben - und Kleinvögel wie Bluthänflinge und Wiesenpieper. Die mittelgroßen Sturmmöwen (Larus canus), die an den grünlichen Füßen zu erkennen sind, brüten vereinzelt im Braunkohle-Tagebau; im Dezember zählten wir ca. 150. Eine so große Anzahl muss aus einem anderen Brutgebiet gekommen sein. Genaueres könnten wir nur erfahren, wenn wir einmal einen Vogel finden würden, der in seiner Heimat mit einem Fußring gekennzeichnet wäre. Von der zahlreichsten Möwenart, den zierlichen Lachmöwen (Larus ridibundus) mit den auffallenden roten Schnäbeln und Füßen, liegt uns eine ganze Reihe von Ringfunden vor. Fast alle Lachmöwen stammen aus Osteuropa, aus dem Baltikum und der ostpreußischen Seenplatte.

Nach dort kehren sie im Frühjahr zurück, so daß im Mai und Juni überhaupt keine Lachmöwe in Warden zu sehen war. Erst im Juli erschienen die ersten wieder auf der Deponie, und ihre Zahl nahm dann bis auf 4000 zu. Das ganze Jahr hindurch hielten sich bei uns die etwa bussardgroßen Silbermöwen (Larus argentatus) auf. Kennzeichen sind die silbergrauen Flügeloberseiten, gelben Schnäbel und fleischfarbenen Füße. Auch ihre Höchstzahl lag bei rund 1500 in den Wintermonaten, während es sich im Sommer nur um wenige handelte. Meist waren es noch nicht geschlechtsreife Tiere mit viel Braun im Gefieder. Anhand der gelben bzw. weißen Plastikmanschetten an den Läufen identifizierten wir Silbermöwen aus den Niederlanden, was auch mit früheren Ringfunden übereinstimmte. Die vierte Möwenart, die Heringsmöwen (Larus fuscus) mit dunklen, fast schwarzen Flügeloberseiten, gab uns seit Jahren ein schweres Rätsel auf. Von ihnen wurden ausgerechnet im Sommer die meisten beobachtet, nämlich 470. Im Jahr davor waren es sogar um die 1000. Es handelte sich durchweg um ‘subadulte’ Vögel, die zwar schon fast wie erwachsen aussahen, aber noch nicht geschlechtsreif waren  Erstmal konnten wir anhand ihrer grünen Manschette eine holländische Heringsmöwe bestimmen.“ (aus: Das Vogeljahr 1995)

Wie erwähnt, sind hier natürlich auch die Rabenvögel stark vertreten: Dohlen, Elstern, Raben- und Saatkrähen sind immer vorhanden, wobei im Winter vor allem die Krähen Verstärkung durch Zugvögel aus dem Osten Europas bekommen. In den benachbarten Äckern können sie dann gelegentlich Schäden verursachen. Allzu schnell ruft man in solchen Situationen nach Abschuss. Bereits 1957 hat Hans Wilhelm Smolik hierauf eine passende Antwort gegeben. Er schreibt im Abschnitt „Unsere Krähenvögel“:

„Auch sie gehören gleich dem verachteten Unkraut zu den Schuttplätzen und Abraumhalden, den Ödländern und Bahndämmen und werden im gleichen Maße verkannt und verfolgt. Viel zu wenig wird beachtet, daß diese schwarzen Rabenvögel eine starke Straßenkehrerbrigade der Natur sind, die auch noch den ekelsten Brocken verschlingen und bei uns die Rolle der Geier, Hyänen und Schakale spielen. Darüber hinaus sind sie eifrige Mäusejäger, Insektenvertilger und Larvenverschlinger. Unermüdlich und unersättlich gehen sie ihrem Nahrungserwerb nach, zupfen dabei freilich auch die keimende Saat, plündern Getreidefelder wie Vogelnester und brechen Fruchtreiser von den Obstbäumen. Aber einwandfrei ergab sich, daß ihr Fehlen sofort starke Mißernten im Gefolge hatte. Ihre Verfolgung entspringt also einer zu kurzsichtigen, zu einseitigen Schau.“

Charakteristisch für die offenen Flächen der Deponie sind Arten wie Feldlerche, Kiebitz, Rebhuhn, Fluß- und Sandregenpfeifer, Schwarzkehlchen, Steinschmätzer und Wiesenpieper.    Wo Bereiche längere Zeit unbearbeitet bleiben, kommt es durchaus zu Bruterfolg. Ausgedehnt sind auch die Wildkrautfluren, in denen vor allem verschiedene Schmetterlingsarten anzutreffen sind. Im Sommer und Herbst gesellen sich dann die Samenfresser unter den Vögeln hinzu. Grünlinge, Hänflinge und Stieglitz turnen an den fruchtenden Stauden. Allgegenwärtig auch die Schwärme von Spatzen: Haussperlinge und die etwas selteneren Feldsperlinge.   Auch die Greifvögel finden sich hier wie im anschließenden Braunkohle-Rekultivierungsbereich wegen des reichhaltigen Vorkommens von Kleinsäugern ein. Beobachtet hat man Habicht, Mäusebussard, Korn- und Rohrweihe, Rotmilan, Sperber und Turmfalke. Zu den eher seltenen Gästen zählen Fischadler (1984), Rauhfußbussard (1986), Schwarzmilan (1994, 1995) und Wanderfalke (1988, 1994).

Während des Deponiebetriebes sind immer wieder Kleingewässer vorhanden gewesen, so daß auch Pflanzen und Tiere der Feuchtgebiete sich hier eingefunden haben.

 Aus der Gruppe der Insekten sind neben den bereits erwähnten Schmetterlingen in diesem Bereich vor allem die Libellen hervorzuheben. Bei den Vögeln wären als häufigste Arten Bachstelze, Bekassine,  Bläß- und Teichralle, Krick- und Stockente zu nennen. Aber auch in dieser Gruppe gibt es rare Beobachtungen: Alpenstrandläufer (1988), Brandgans (1985), Grünschenkel (1983), Waldwasserläufer (1984) und nicht zuletzt ein Weißstorch im Juni 1989!

Die seit 1983 regelmäßig als Nahrungsgäste vorhandenen Graureiher sind wohl eher wegen der Mäuse hier.  

Leider wird die rekultivierte Deponie eine Vielzahl der während des Betriebes entstandenen ökologischen Nischen nicht mehr bieten, so daß das Vorkommen vieler Arten an diesem Ort dereinst eine Episode gewesen sein wird. Allerdings ist zu begrüßen, daß die Fläche größtenteils dem Biotop- und Artenschutz zur Verfügung gestellt werden soll. Dies ist in der ausgeräumten Agrarlandschaft im Bereich Alsdorf für den Naturhaushalt von elementarer Bedeutung.

 

 

Die Kläranlagen

 

Mit 6,7 Hektar Gesamtfläche sind die Kläranlagen der Stadt zu den städtischen Grünflächen zu zählen. Auf den ersten Blick wird man in ihnen umwelttechnische Anlagen sehen, die nur wenig Platz für die Natur bieten. Gezielte Untersuchungen und Zufallsbeobachtungen sachkundiger Leute ergeben jedoch ein anderes Bild.

 

- Kläranlage Broichbachtal

Die Kläranlage Broichbachtal ist 1953 in Betrieb genommen und in der Zwischenzeit mehrfach erweitert worden. Die Abwässer aus Alsdorf-Mitte, Busch, Zopp, Ofden und Kellersberg werden hierhin geleitet und nach der Klärung dem Vorfluter Broichbach zugeführt. Die Modernisierung dieser Anlage und der Bau der Kläranlage Euchen auf Würselener Stadtgebiet hat wesentlich zur Verbesserung der Wasserqualität beigetragen.

Durch die langjährigen  Beobachtungen des Wärters und Hobby-Ornithologen Emil Nord, die in den Moll-Tagebüchern dokumentiert sind, liegen umfangreiche Informationen zum Vorkommen von Tier-, vor allem Vogelarten vor. Schon die Gesamtartenzahl von 109 alleine bei den Vögeln (Stand: November 1996) überrascht für diesen ungewöhnlichen Biotop.

Wer jahrelang das ganze Jahr über an ein und derselben Arbeitsstelle im Freien zubringt und zudem mit der Zeit spezielle ornithologische Kenntnisse erwirbt, ist zwangsläufig jemand, der so nebenbei ganz seltene Beobachtungen macht. So tauchen in der langen Vogelartenliste des Wärters Nord folgende Durchzügler auf: Blaukehlchen, Bruchwasserläufer, Drossel-rohrsänger, Flußuferläufer, Großer Brachvogel, Grünschenkel, Kleines Sumpfhuhn, Knäkente, Löffelente, Rohrdommel, Rotdrossel, Rotmilan, Rotschenkel, Schilfrohrsänger, Schwarz-kehlchen, Schwarzmilan, Schwarzspecht, Sumpfohreule, Trauerschnäpper, Waldwasserläufer, Wasserpieper und Wendehals. Zu den Brutvögeln innerhalb des Kläranlagengeländes gehören Bach- und Gebirgsstelze, Flußregenpfeifer, Tafelente, Bläß- und Teichralle sowie als häufigere Arten Grauschnäpper, Heckenbraunelle, Ringeltaube, Schwanzmeise, Singdrossel und Zaunkönig, um nur einige zu nennen. Die Vielfalt der Gastvögel sei durch folgende Aufzählung umrissen: Bunt-, Klein- und Grünspecht, Eichelhäher, Eisvogel, Elster, Fasan, Garten- und Hausrotschwanz, Graureiher, Habicht, Hohl- und Turteltaube, Kernbeißer, Kiebitz, Krickente, Pirol, Schafstelze, Sperber, Turmfalke, Waldkauz, Wasseramsel und Wintergoldhähnchen. Natürlich sind auch die fliegenden Insektenjäger präsent: Mehl-, Rauch- und Uferschwalben sowie die unermüdlichen Mauersegler.

Innerhalb des Geländes sind verschiedene Vogelschutzmaßnahmen getroffen worden. Zum Beispiel haben die Wärter in harten Wintern Futterstellen eingerichtet. Für brütende Vögel sind Nisthilfen installiert worden. So hat man Rauchschwalben angesiedelt und nicht so häufige Bruten des Gartenbaumläufers ermöglicht. Spätere Erweiterungen der Anlage sind durch sogenannte Ausgleichsmaßnahmen begleitet worden, die mehr Natur in diesen Bereich gebracht haben. Erd- und Kreuzkröten haben auf diese Weise Laichmöglichkeiten gefunden. Aber auch der Wasserfrosch ist hier zu Hause. Das gelegentliche Vorkommen von Rehen und Rotfuchs neben den allgegenwärtigen Eichhörnchen und Wildkaninchen zeigt auch, daß es sich nicht um eine reine Technologieanlage handelt.

Gerhard Moll berichtet 1962 über eine botanische Rarität innerhalb der Kläranlage. Zumindest ist sie das für die damalige Zeit gewesen. In einem Zeitungsartikel schreibt er:

„Bei einem Spaziergang durch das untere Broichtal fallen mir innerhalb des Geländes der Alsdorfer Kläranlage zwei gelbblühende Pflanzenarten besonders auf. - Die eine ist allgemein gut bekannt. Es ist der Besenginster (Sarothamnus scoparius), dessen leuchtende Schmetterlingsblüten ihm auch den Namen ‘Eifelgold’ eingebracht haben. Er wächst gerne auf den ziemlich trockenen Dämmen der Anlage. - Aber die zweite Pflanzenart ist mir völlig un-bekannt. Von ihr stehen ungefähr 20 Exemplare in der z. Zt. wenig gefüllten Schlammlagune I und weitere 5 bis 10 Stück auf der inselartigen Schlammfläche in der Lagune II. Auch von weitem sind sie nicht zu übersehen wegen der außergewöhnlich hellgrünen Stengel und Blätter und wegen der zahlreichen blaßgelben Blüten. - In einem reichbebilderten Pflanzenbestimmungsbuch findet sich keine Darstellung, die zu der gefundenen Blume passen will. Ich nehme eine Pflanze mit nach Hause und stelle folgendes fest:

Stengel: 1,20 m hoch, am Grunde 5 cm Durchmesser, hohl; mit weichen Haaren besetzt; am oberen Ende klebrig.

Blätter: im allgemeinen lanzettlich, untere gesägt; wechselständig, umfassen den Stengel zur Hälfte; weichhaarig.

Blüten: ungefähr 30 Korbblüten in einer Doldenrispe vereinigt; jedes Körbchen ca. 1,5 cm Durchmesser; angenehmer honigsüßer Duft. -

Damit steht allerdings nur fest, daß die unbekannte Blume zur Familie der Korbblütler gehört, also eine der 14000 Verwandten des Löwenzahns und Huflattichs ist. - Ich durchblättere manches Fachbuch, komme jedoch zu keiner einwandfreien Klärung.

Da erzählt mir ein Bekannter, er habe irgendwo etwas von einer seltenen Pflanze gelesen, die von Holland her eingewandert sei; vielleicht hinge meine Beobachtung damit zusammen. Leider hat der Herr den Pflanzennamen vergessen, und den Zeitungsartikel findet er auch nicht wieder.

Schon habe ich mich damit abgefunden, daß die Pflanze als die ‘schöne Unbekannte aus dem Broichtal’ in meinem Exkursionstagebuch stehen bleiben wird, da hilft mir der Zufall. Ich nehme an einer Tagung teil, auf der als Gast der führende westfälische Botaniker Dr. R. zugegen ist. Beim Mittagessen sitze ich ihm gegenüber. Da fällt mir meine namenlose Pflanze ein. Ich beschreibe sie ihm, setze hinzu, daß sie möglicherweise zu der Art gehören könne, die aus Holland eingewandert sein soll, und frage ihn, was er als Fachmann dazu meine. - Seine überraschende Antwort: ‘Wissen Sie, daß Sie mich jetzt beleidigen?’ - Dummes Gesicht meinerseits; lebhaft bereue ich schon, das Gespräch begonnen zu haben. Er fährt fort: ‘Die Pflanze Senecio tubicaulis, bzw. paluster, bzw. congestus sollnicht aus Holland eingewandert sein, sondern sie isteinwandfrei von dort gekommen! Als deutscher Sachbearbeiter gerade dieser Angelegenheit habe ich mehrfach darüber geschrieben und diesbezügliche Mitteilungen durch Presse und Rundfunk veröffentlichen lassen. Aber anscheinend hat es sich immer noch nicht herumgesprochen, wie wichtig für uns jede Nachricht über diese Pflanze ist!’

Nachdem ich mich meiner Unwissenheit wegen gebührend entschuldigt habe, merke ich dann, wie sehr sich Dr. R. freut, eine erste Kunde aus dem Aachener Raum über ‘seine’ Senecio tubicaulis zu erhalten.“

Es ist also das „Moorkreuzkraut“ gewesen, das Gerhard Moll entdeckt hat. Es ist auf Schlammflächen angewiesen, die noch nicht allzu lange ausgetrocknet sind, so daß sich noch keine Vegetation hat entwickeln können.  Die in Nordwestdeutschland seltene Pflanze ist etwa 1937 ausgestorben. Als dann die Niederländer nach dem Zweiten Weltkrieg den Zuidersee-Polder „Ost-Flevoland“ trockengelegt haben, ist es zu einer Massenausbreitung mit entsprechend zahlreichen Fallschirmfrüchten gekommen. Dies ist vermutlich der Startpunkt für eine Rückeroberung Westeuropas durch diese Greiskraut-Art gewesen, unterstützt durch extrem trockene Sommer mit stürmischen Westwinden. Vor allem die 1959 herrschende Dürre hat zu Schlammsäumen an den deutschen Gewässern und damit zur Invasion von Senecio tubicaulis bis nach Helgoland, Hannover und Cochem geführt. Die Alsdorfer Kläranlage ist wahrscheinlich 1960 an der Reihe gewesen. Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie sich die Natur auch vom Menschen beanspruchte Bereiche erobert, wenn man sie lässt.

 

- Ehemalige Kläranlage Broich

Die ehemalige Kläranlage Broich an der Stadtgrenze zwischen Alsdorf und Würselen, heute nur noch als Regenklärwerk benutzt, fügt sich in den Winkel Siefenbach- / Broichbachtal ein. So finden wir hier überwiegend Tiere, die auch sonst in unmittelbarer Nachbarschaft die beiden Bäche begleiten.

Zu diesen Tieren zählt die selten gewordene Wasserspitzmaus, die auch schon am Broicher Weiher und in der „Ruhezone“ in der Nähe des Alsdorfer Weihers entdeckt worden ist. Sie ist etwa 8 Zentimeter groß und besitzt einen Schwanz, der fast genau so lang ist. Ihr Pelz ist oberseits schwarz, auf der Unterseite weiß bis grauweiß, wie es sich für einen Wasserbewohner gehört. So ist sie sowohl gegen den dunklen Untergrund als auch gegen den hellen Himmel getarnt. Sie hat nicht wie andere Wassersäuger Schwimmhäute zwischen den Zehen, sondern seitlich der Füße dichte, spreizbare Wimpernleisten. Damit kann sie ausgezeichnet schwimmen und tauchen. Soll es besonders schnell gehen, so läuft sie auf dem Grund des Gewässer fast genauso flink wie andere Vertreter aus ihrer Familie auf dem Land. Zu Hause ist sie in Ufernähe, wo sie entweder ihre Höhle selbst gräbt oder einfach Maulwurfs- oder Mausbauten erobert. Bevorzugt werden solche, bei denen ein Einschlupf unter der Wasserlinie vorhanden ist. Man sagt der Wasserspitzmaus nach, daß sie zu den unersättlichsten Raubtieren gehört. Dabei soll sie Fische, Amphibien und auch Wasservögel angreifen, die bis zu fünfzigmal größer sind als sie selber. Sie wird erst in der Abenddämmerung munter und verrät sich dann durch ihr andauerndes Pfeifen und Zwitschern.

Kann die Spitzmaus unter Wasser laufen, so hat das nächste hier beobachtete Tier die Fähigkeit, unter Wasser zu „fliegen“. Das ist zwar nicht wörtlich zu nehmen, umschreibt aber ganz gut die Fortbewegung der Wasseramsel bei der Jagd nach Wasserinsekten und kleinen Fischen. Das letzte Mal hat man sie im März 1996 im Bereich der Kläranlage gesehen. Lange ist sie an Wurm und Broichbach verschollen gewesen. Erst seit die Wasserqualität deutlich gestiegen ist, kann man diesen flinken Bewohner klarer Bäche wieder häufiger sehen. Mit dem stummelhaften Schwanz wippend, hüpft sie flink über die Steine, watet im nächsten Augenblick durch das Wasser, dreht mit dem Schnabel Kiesel auf der Suche nach Würmern und Larven, um danach mit rudernden Flügelschlägen wegzutauchen. Hier im Tal ist dieser drosselgroße Vogel zwar nur Gast, im nahen Wurmtal hat man aber schon Bruten nachweisen können.

Zwei weitere Vogelarten, welche die Nähe der Bäche suchen, gehören zu den etwas selteneren: zum einen ist dies die Gebirgsstelze, zum anderen das Braunkehlchen.  

 

- Kläranlage Bettendorf

Diese Anlage ist in den Jahren 1974 bis 1976 erbaut worden und hat mittlerweile mehrere Ausbauphasen hinter sich. Hier sind die Stadtteile Schaufenberg, Ost, Neuweiler, Hoengen, Mariadorf, Warden, Begau und natürlich Bettendorf selbst angeschlossen. Außerdem entwässern die Eschweiler Stadtteile Hehlrath, St. Jöris und Kinzweiler hierhin. Die Ansiedlung der japanischen Mikrochipsfabrik des Konzerns Mitsubishi in der Hoengener Feldflur hat die Dimensionierung der Kläranlage nicht unwesentlich beeinflusst.

Die Kläranlage kann als Quelle für den Bettendorfer Hauptfließ (auch: Schaufenberger Fließ) angesehen werden. Trotz Abwasserbehandlung hat man lange Zeit die Wasserqualität in diesem Fließ nur auf der Güteklasse III bis IV (stark verschmutzt) halten können.

© Wolfgang Voigt 2001