Alsdorfer Bürgerinitiative

„Vorsicht Giftfässer“

von Wolfgang Voigt

 

Die Alsdorfer Bürgerinitiative „Vorsicht Giftfässer“ hat sich seit ihrer Gründung im Mai 1991 zum Ziel gesetzt, die zuständigen Behörden von der Notwendigkeit der Sanierung einer Altlast zu überzeugen und die von dieser ausgehenden Gefahren durch geeignete Maßnahmen beseitigen zu lassen.

Zur Vorgeschichte der Altlastenentstehung sollen im folgenden die wichtigsten Fakten in Kürze geschildert werden:

Auf dem Gelände der ehemaligen Bauschuttdeponie zwischen Broicher Weiher und Blumenrath hat sich ursprünglich ein Laubmischwald befunden. Mitte bis Ende der 60er Jahre ist der Waldbestand gerodet worden, um eine Kiesgrube zu gründen. Die Firma DAVID hat diese ab 1970 planmäßig betrieben. Das Material ist hauptsächlich für den Autobahnausbau zwischen Alsdorf-Hoengen und Aachen verwendet worden.

Nach der Auskiesung hat dieselbe Firma seit 1974 die Grube mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Millionen Kubikmetern verfüllt, zunächst hauptsächlich mit etwa 700.000 Kubikmetern Erdaushub aus dem Autobahn- und Kanalbau. Im September 1976 ist der Bereich als Bauschuttdeponie zugelassen worden. Seitdem sind weitere 800.000 Kubikmeter Bauschutt, aber auch Asphaltfeinbeton, Bitukies und Erdaushub, sowie Glasbruch der Firma PHILIPS nach Blumenrath gefahren worden.

Gleichzeitig hat HORST VANFORSCH die Firma CHEMISCHES WERK STOLBERG betrieben. Dieser Betrieb hat in einer Destillationsanlage Rückstände aus Chemischen Reinigungen aufbereitet. Die wiederverwertbaren Stoffe sind zurück an die Wäschereien gegangen. Jedoch sind bei dem Verfahren auch giftige Schlämme angefallen, die man in Fässer zu je 200 Liter verfüllt hat. Die in den Behältern eingeschlossenen chemischen Reinigungsabfälle enthalten Schwermetalle, lösliche Zinkverbindungen und vor allem den als krebserregend einzustufenden Kohlenwasserstoff Tetrachlorethen (auch Perchlorethylen, kurz PER genannt). Über 20.000 dieser Fässer sind auf dem Firmengelände gelagert worden. Es hat die Gefahr bestanden, dass sie vom Rost zerfressen werden und die gesamte Umgebung vergiften.

Schließlich hat der Kölner REGIERUNGSPRÄSIDENT (kurz: RP) die Firmengenehmigung widerrufen. In dem Schreiben des RP an Horst Vanforsch vom 26. Februar 1980 heißt es dazu: „Der Zustand stellt eine erheblich Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Nach einem Gutachten des Chemischen Untersuchungsamtes der Stadt Aachen sind die bei Ihnen anfallenden Schlämme nicht unbedenklich. So wird in dem Gutachten darauf hingewiesen, dass im Hinblick auf die in den Schlämmen vorhandenen löslichen Zinkverbindungen ein Grundwasserkontakt verhindert werden muss.“

Die Tage der Giftfässer in Stolberg sind damit gezählt gewesen. Weil andererseits Betreiber von Sondermülldeponien sich geweigert haben, die Giftfracht anzunehmen, ist man unter Zeitdruck gekommen. Die Blumenrather Deponie ist wohl wegen ihrer Lage ins Visier der BEZIRKSREGIERUNG KÖLN geraten. Da es sich hier jedoch lediglich um eine Bauschuttdeponie und nicht um eine Giftmülldeponie gehandelt hat, ist durch den RP am 19. Januar 1977 einfach der Genehmigungsbescheid geändert worden:

Jetzt dürfen auch „Schlämme aus der Destillationsanlage der Firma Chemisches Werk, Horst Vanforsch, Stolberg, gelagert werden.“

Außerdem erlässt der RP 1978 eine Ordnungsverfügung, derzufolge mindestens 100 Fässer pro Woche nach Blumenrath gebracht werden müssen. Geschieht das nicht, so wird Zwangsgeld von der Stolberger Firma verlangt.

Erst durch einen Gerichtsbeschluss von 1982 sind weitere Anlieferungen von Giftfässern gestoppt worden. Nach einer eidesstattlichen Erklärung von Horst Vanforsch sollen bis dahin über 2.500 Fässer nach Blumenrath gekommen sein. Die offizielle (das heißt: behördliche) Version spricht von „nur“ 933 Fässern.

In den Jahren 1985 und 1986 hat das STAATLICHE AMT FÜR WASSER UND ABFALLWIRTSCHAFT (STAWA) mit Untersuchungen vor Ort begonnen und Verunreinigungen des Grundwassers mit PER festgestellt. Auch ist dabei ein anderer Stoff, nämlich Trichlorethen (kurz: TR) aufgetaucht, der in noch höherer Konzentration vorgelegen hat und dessen Herkunft zunächst nicht zu klären gewesen ist. Trotz zum Tei, alarmierender Werte hat man seitens der zuständigen Behörden eine eher abwartende Stellung eingenommen und nur gelegentliche Messungen in Aussicht gestellt.

Im Mai 1991 hat sich daher die ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“ als Zusammenschluss von Bürgern und Vertretern der Naturschutzverbände BUND und NABU gegründet. Erster Vorsitzender ist seitdem PETER DZINGA, der schon Jahre vorher in dieser Angelegenheit gegen die Behörden gekämpft hat.

Eine der spektakulärsten Aktionen der Gruppe überhaupt ist am 23. Mai 1991 der Marsch nach Köln gewesen. Man hat seitens der Bürgerinitiative bewusst diesen Tag gewählt, um zeitig zur 175-Jahr Feier der BEZIRKSREGIERUNG KÖLN am darauffolgenden Tag in Köln zu sein. Auf dem Fußmarsch hat man ein symbolisches Giftfass mit Unterschriften mit sich geführt, die dem Regierungspräsidenten DR. FRANZ-JOSEF ANTWERPES überreicht werden sollten.

Erste Erfolge der Bürgerinitiative haben darin bestanden, dass eine Gefährdungsabschätzung auf der Basis regelmäßiger Untersuchungen in Aussicht gestellt und später durchgeführt worden ist, und Beratungstermine der Behörden und der Verwaltung der STADT ALSDORF unter Beteiligung von Initiativenvertretern wahrgenommen worden sind.

In zahlreichen Presseveröffentlichungen und in Rundbriefen informiert die Bürgerinitiative Mitglieder und die interessierte Öffentlichkeit. Seit dem 2. Mai 1993 ist man auch in unregelmäßigen Abständen im Äther: Im Bürgerfunk Kreis Aachen sendet die BI über ANTENNE AC.

Allergrößter Erfolg bisher ist der Beginn der Probesanierung im Juli 1996, zwei Jahre nachdem die BEZIRKSREGIERUNG KÖLN das gesamte Verfahren auf den KREIS AACHEN übertragen hat. Der Brunnen hat einen Durchmesser von 30 Zentimetern und eine Tiefe von 40 Metern. Der Hochleistungsfilter aus Edelstahl arbeitet mit Aktivkohle. Das derartig gereinigte Grundwasser wird dem Broichbach zugeleitet. Alleine die Kosten der Probesanierung werden auf 400.000 Mark beziffert. Mittlerweile ist die Sanierung aus dem Probestadium heraus.

Die ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“ ist ein Beispiel für eine überparteiliche Gruppierung, ohne deren Existenz und Arbeit die Behörden kaum aktiv geworden wären.

Die Bürgerinitiative hat inzwischen auch die Sanierungsmaßnahmen auf dem ehemaligen Zechengelände „Anna“ mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und ist bei kleineren Gift-Problemen beratend beteiligt gewesen.

Stand: 9. Dezember 2001

Quellennachweis:

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, Rundbrief 02/91

 

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, 800 Jahre Alsdorf – 15 Jahre Giftmülldeponie Alsdorf-Blumenrath. Faltblatt. Alsdorf 1991

 

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, Rundbrief 01/92

 

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, Rundbrief 02/92

 

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, Rundbrief 01/93

 

ALSDORFER BÜRGERINITIATIVE „VORSICHT GIFTFÄSSER“, Wir verlangen: Sanierung jetzt! (Flugblatt) Alsdorf 1994

 

PETER DZINGA, Warnung vor Geschenken des Regierungspräsidenten. Faltblatt. Alsdorf 1990

 

FRANK LASCHET, Die ehemalige Bauschutt-Deponie Blumenrath. Halbjahresarbeit des Biologie-Differenzierungskurses am Gymnasium der Stadt Alsdorf (Leitung: Wolfgang Voigt). Alsdorf 1994

 

WOLFGANG VOIGT (Redaktion), Exkursion rund um die Giftmülldeponie Alsdorf-Blumenrath, in: EXKURSiONEN 14 (eine Veröffentlichungsreihe des NABU Aachen-Land). Alsdorf 1994

 

WOLFGANG VOIGT, Natur und Naturschutz in Alsdorf. Alsdorf 1997 und 2001

 

VERSCHIEDENE, Akten zum Vorgang, gesammelt von PETER DZINGA

 

VERSCHIEDENE, Zeitungsartikel zum Vorgang, gesammelt in der INFOTHEK NATUR ’91 der GRUPPE BROICHBACHTAL