Gerhard Moll wird 80

von Wolfgang Voigt

Am 27. April 1993 ist es also soweit: Unser Herr Moll wird 80 Jahre jung.

Als man mich gebeten hat, einige Zeilen über ihn zu schreiben, habe ich spontan zugesagt, sehr wohl wissend, wie schwer es ist, in einer kurzen Würdigung diesem engagierten Naturschützer und hervorragenden Vogelkenner gerecht zu werden. Lehre und Naturschutz haben neben der Familie sein Leben bestimmt, nur unterbrochen durch Wehrdienst und Gefangenschaft. So hat ihn die Schule nie losgelassen, nachdem er das Realgymnasium in Rostock besucht hatte. Selbst heute, lange nach seiner Pensionierung als Grundschul-Rektor in Alsdorf, fühlt er sich in der Rolle des Lehrers noch wohl, an der RWTH Aachen, im Kreise seiner Studenten. Das hält jung! Auch mein erster Kontakt mit ihm hat mit Schule zu tun: 1982 ist in seinem geliebten Broichbachtal neben einer Tageserholungsanlage eine sogenannte "Ruhezone" für Pflanzen und Tiere fertiggestellt worden, für die er und seine Mitstreiter aus der 1969 gegründeten Alsdorfer DBV-Ortsgruppe mit viel Engagement und Sachkenntnis gekämpft hatten. Seine Anfrage an unserer Schule brachte die Gründung der Gruppe Broichbachtal und damit die Betreuung und Erforschung des neugeschaffenen Biotops. Bis das Schüler-Lehrer-Team auf eigenen Beinen gestanden ist, hat sein Rat die Arbeit begleitet. Faszinierend dabei seine Art, mit Jugendlichen umzugehen und sie zu begeistern. Vom Sextaner bis zum Abiturienten sind alle Altersstufen vertreten gewesen.
Noch breiter ist das Altersspektrum gefächert, wenn er bei seinen zahlreichen Vorträgen, bei Seniorennachmittagen, vor Vereinsmitgliedern, Studenten, Schulklassen und an Volkshochschulen seine Zuhörer gleichermaßen in seiner humorvollen Art fesselt. Dann gilt es, von seinen zahlreichen Reisen zu berichten, die ihn rund um den Globus geführt haben und sicherlich noch führen werden. Seine Reiselust - und nicht sein Alter - ist es wohl gewesen, die mir 1989 die ehrenvolle, aber schwere Bürde bescherten, im DBV-Kreisverband Aachen von ihm den Vorsitz zu übernehmen, den er seit 1976 innehatte. Öfter als bis dato hat seither die Frage die Runde gemacht: "Ist er da - ist er verreist?" Selbst die wenigen Eingeweihten sind manchmal vor Überraschungen nicht sicher, gibt es doch neben seinen länger bekannten Unternehmungen immer wieder Spontanfahrten.
Übrigens, was macht man, wenn man mit dem Fernglas vor den Augen bei der Feldbeobachtung in eine Mäuseloch (oder ist es ein Kaninchenloch gewesen?) tritt und sich einen Muskelriss zuzieht? Man startet die geplante Weltreise mit Krücken, vorausgesetzt, man heißt Gerhard Moll. Trotz solcher Belastungen hat er von 1961 bis 1993 die Arbeit des Ornithologischen Vereins Aachen (OVA) als Vorsitzender wesentlich geprägt.
Von den unzähligen offiziellen Exkursionen unter Leitung des gebürtigen Mecklenburgers und Wahl-Rheinländers sei hier nur die traditionelle Mai-Exkursion durch das Broichbachtal erwähnt. Seit 1974 findet sie alljährlich am 1. dieses Monats statt. Seinerzeit startete man halb drei Uhr in der Nacht (!) mit immerhin 14 (!) Teilnehmern, darunter 5 (!) Schülern. Mittlerweile ist sechs Uhr in der Frühe Startzeit, und meist sind so viele Naturfreunde dabei, dass man sich in mehrere Gruppen aufteilen muss. Dank der Kontakte, die Gerhard Moll zu den belgischen und niederländischen Verbänden geknüpft hat, ist die Wanderrunde oft genug international oder sagen wir heute besser: europäisch.
OVA und Naturschutzbund sind für solchen Ansturm bestens gerüstet: Hat Herr Moll doch in all den Jahren viele Vogelstimmenexperten, aber auch Sachkenner in Natur- und Umweltschutz um sich geschart.
Große Sorge hat ihn allerdings bereitet, dass seine Beobachtungsergebnisse aus über 4.000 Exkursionen, seit 1953 festgehalten in 53 dicken Tagebüchern, unausgewertet bleiben könnten. Erleichterung dann, als ein Alsdorfer Biologie-Student sich bereit erklärt hat, das Material zu sichten. Das Ergebnis ist unter dem Titel "Die Vögel im Norden des Kreises Aachen" erschienen, herausgegeben von der Gesellschaft Rheinischer Ornithologen als Band 33, insgeheim Molls Lebenswerk. Übrigens: Der Autor Hartmut Fehr ist einst Schülermitarbeiter in unserer Gruppe Broichbachtal gewesen. Hier schließt sich ein kleiner Kreis; da kommt einem der Gedanke von Aussaat und Ernte... Auch wenn in dieser knappen "Würdigung" einiges an Lokalkolorit steckt, so wird sich vielleicht so mancher anderswo in irgendeiner Weise wiedererkennen. Und nicht nur er wird sich meinen Glückwünschen anschließen wollen!

(aus: CHARADRIUS, Heft 1/1993)

 

 

 


Nachtrag:

Gerhard Moll verstarb am 02.09.2006 

im Alter von 93 Jahren.