Berichte der Gruppe Broichbachtal, Nr. 19:

 

Renaturierung des Broichbachtales

- Utopie oder Notwendigkeit?

 

von Karl Gluth und Wolfgang Voigt

 

Internetversion 2003

 

Vorwort des Herausgebers

 

Die Sünden der Vergangenheit rächen sich: Flächenversiegelung bis an die Betonufer begradigter Fließgewässer ziehen alljährlich immer bedrohlichere Hochwasser-Situationen nach sich. Wo bisher keine Überbauung stattgefunden hat, bedrängen Forst- und Landwirtschaftsflächen sowie Sonderkulturen auf entwässerten oder verkippten, ehemaligen Auenbereichen die Bäche und Flüsse, verbunden mit der bekannten Problematik der Einschwemmung von Gülle, Düngemitteln und Bioziden. Vorbei ist es mit der Selbstreinigungskraft innerhalb ausgedehnter Schilfzonen und Auwälder. Verloren sind die natürlichen Rückhaltekapazitäten großzügiger Feuchtwiesen. Natürliche Mäander sind rar geworden, ihre Bremswirkung auf die Fließgeschwindigkeit nicht mehr gegeben.

Neben den angesprochenen Folgen (Hochwasser, „Umkippen“) zeugen vor allem die „Roten Listen“ von den Auswirkungen auf die ehemals intakten Ökosysteme: Rückgang unzähliger Pflanzen- und Tierarten in Feuchtgebieten.

Aus ökologischer Sicht liegt die Lösung der Probleme alleine in der umfangreichen Renaturierung der Bachläufe. Die oft geforderten künstlichen Rückhaltebecken kann nur jemand ernsthaft vertreten, dem es lediglich um den Schein-Schutz des Menschen geht, der zudem meint, der Naturhaushalt ist technisch zu regeln.

In diesem Kurzbericht soll gezeigt werden, welche Eingriffe das Broichbachtal in der Vergangenheit über sich ergehen lassen musste und welche Maßnahmen in der Zukunft angezeigt erscheinen, - auch, um die Hochwassergefährdung im Bereich des Wurm-Unterlaufes in den Griff zu bekommen, vor allem aber, um Mensch und Natur wieder einen existenzsichernden (Über-) Lebensraum zurückzugeben.

Wolfgang Voigt

 

Einleitung: Auwälder und Feuchtwiesen

 

Die Begleitflächen naturbelassener Bäche haben jungen Boden, der hauptsächlich aus angeschwemmten Material besteht. Wird dieser etwa 200 Tage im Jahr überflutet, so trägt er über natürliche Sukzession mit der Zeit einen reichen Silberweiden-Wald (Weichholzaue). Daran anschließend bildet sich die sogenannte Hartholzaue als Klimaxstadium, mit den Bestandsbildnern Eichen, Ulmen, Eschen und zahlreichen Straucharten. Wo es diese Waldarten noch gibt, findet man aufgrund ihrer vielfältigen Struktur Mitteleuropas artenreichste Lebensgemeinschaften.

Au- und sonstige Feucht-Wiesen sind bestimmt durch den Wechsel von vollständiger Überflutung und stellenweisem Trockenfallen. Auch hier ist die Artenvielfalt einzigartig.

 

Das Broichbachtal – früher und heute

 

In weiten Bereichen war der Broicher Bach (oder richtiger: Broichbach) bis etwa 1970 einer der letzten natürlichen Bäche im Aachener Raum. Charakteristisch waren Mäander-Bildung, Feuchtwiesen, Au- und Bruchwälder und Sumpfbereiche, gespeist von unzähligen Quellen, vor allem auch im Hangbereich des Tales.

Mit dem Planziel „Schnelles Abfließen von Hochwasser“ hat der Broichbach-Verband (später: Wasserverband Obere Wurm) in den 70iger Jahren die einschneidendsten Maßnahmen in das Ökosystem vollzogen: die Begradigung des Bach-Laufes.

Flankierend sind zahlreiche Verkippungen durch die Anlieger-Gemeinden (Würselen / Alsdorf / Herzogenrath) sowie private Grundstückbesitzer erfolgt. Die Flächenversiegelung ist immer näher an die Talaue herangerückt. Der Bau von Freizeitanlagen, Angelsportgewässern und Wegenetzen (zum Teil schon länger zurückliegend) hat ein übriges zur Zerstörung des Tales beigetragen.

Zudem wurde und wird der Bach als Vorfluter zur Abwasser-Abführung benutzt: ehemals zum Beispiel EBV-Wässer (Grube Maria Hauptschacht), heute vor allem aus dem Gewerbegebiet Kaninsberg (Aachener Kreuz in Würselen-Broichweiden) mit dazwischen geschalteter Neuer Kläranlage Euchen.

Restflächen des ehemaligen Auwald-Bereiches bestehen unterhalb der Mariadorfer Angelteiche (Siefenbach-Tal) sowie beidseits des Alten Bahndammes in Alsdorf, außerdem im Naturschutzgebiet Herzogenrath. Ein letzter größerer Röhricht-Bestand ist in der sogenannten „Laache“ zu finden. Bezeichnend ist übrigens, dass gerade Teilbereiche dieser Natur-Relikte lange Zeit als mögliche Standorte für Rückhaltebecken (RHB) diskutiert worden sind.

 

Eingriffe in das Ökosystem Broichbach – Versuch einer Dokumentation

 

Anmerkung: Die nachfolgende Erfassung menschlicher Eingriffe zwischen Quelle und RHB Herzogenrath ist sicher nicht vollständig. Wir bitten daher die Leser um ergänzende und/oder korrigierende Hinweise.

 

1.    „In der Dell“ (Quelle bis Heilig Geist – Gymnasium): Verrohrung (Zeitpunkt unbekannt)

2.    „Broicher Bend“ (HGG bis Alte Kläranlage Broich): Weites, natürliches Tal mit Feuchtwiesen und Röhricht wird ab etwa 1975 mit Bauschutt, Sperrmüll und Lehm verkippt (im nördlichen Teil: Weideland ab 1985). Im Bereich Einlauf Kläranlage wird Klärschlamm deponiert, unmittelbar an der Kläranlage wiederum Bauschutt in Feuchtwiese eingebracht.

3.    Zwischen Alter Kläranlage Broich und Broicher Weiher wird etwa 1970 der Broichbach kanalisiert (weitgehend begradigt und beidseitig mit Kunst-Steinplatten ausgelegt).

4.    Der Bachlauf zwischen Broicher Mühle und Hundeweiher bleibt über weite Strecken naturnah. Allerdings sind hier land- und forstwirtschaftliche Maßnahmen sowie eine Angelteich-Anlage als beeinträchtigend zu werten. Vor dem Alten Bahndamm ist ein Maisfeld belastend für die Talaue. Im Bereich Kellersberger Mühle und Forsthaus Kellersberg kommt es zu Trockenlegungen, außerdem zur Verfüllung des alten Mühlen-Weihers. (Ebenfalls 1970 wird der gesamte Bachlauf zwischen Hundeweiher und RHB Herzogenrath begradigt und ausgemauert; die Sumpfzonen werden weitgehend zugekippt, zum Teil atypisch mit Koniferen aufgeforstet. Das Tal wird durch die Anlage von Spazier- („Wander“-) Wegen stark eingeengt. Akute Bedrohung ergibt sich aus der Planung von Schnellstraßen, die das Tal queren sollen.)

5.    Der Teilbereich Hundeweiher – Alsdorfer Kahnweiher wird 1982 durch den Bau der Tageserholungsanlage Alsdorf völlig verändert. Die Anzuchtteiche des Angelsportvereins liegen heute in ehemals intaktem Auwaldbereich. Die „Ausgleichsmaßnahme“ (sogenannte „Ruhezone“ an der TEA) kann derzeit nicht positiv gewertet werden, da es nach anfänglichen Erfolgen (zum Beispiel Eisvogel-Brut) letztlich nicht gelungen ist, diesen Bereich als tatsächliche Naturzone zu sichern.

6.    Im Abschnitt Alsdorfer Weiher – Winkensmühle („Tierpark und Umfeld“) ist neben Begradigung und Verfüllung die standortuntypische Anpflanzung von Birken und Fichten zu nennen. Die Angelteiche als Wasserflächen sind kein Ersatz für zerstörte Auenbereiche.

7.    Zwischen Römergasse und Brücke Ruif werden ausgedehnte Sumpfwiesen-Bereiche mit Bauschutt verfüllt (zwecks Viehweideland-Gewinnung). In einem Teilbereich wird hier 1983 eine Uferbefestigung in Form einer Steinmauer erstellt.

8.    Zwischen Brücke Ruif und RHB Herzogenrath wird im Zuge der Kanalverlegung ebenfalls eine Steinvermauerung gebaut. Am nördlichen Ufer oberhalb RHB ist ein weitläufiger Bereich mit Bauschutt verfüllt (Zeitpunkt?) und mit atypischem Fichten-/Pappel-Bestand aufgeforstet.

 

Antrag auf Renaturierung

 

Vom Deutschen Bund für Vogelschutz e.V., Kreisgruppe Aachen (jetzt: Naturschutzbund Deutschland, Kreisverband Aachen-Land e.V.) wird am 31. Januar 1988 ein Antrag auf Renaturierung des Broichbachtales an den Regierungspräsidenten Köln gestellt (Autor: KARL GLUTH). Die wesentlichen Punkte hieraus, ergänzt um Überlegungen der Gruppe Broichbachtal werden als Diskussionsgrundlage nachfolgend aufgeführt.

 

Anregungen und Vorschläge zur Renaturierung

 

1.    „In der Dell“: Hier ist die Verrohrung aufzuheben und dem Bach ein gewundenes Bett zu geben. Des weiteren ist eine Uferbepflanzung als Pufferzone gegenüber den Landwirtschaftsflächen angezeigt. Je nach Geländeniveau können Feuchtwiesen sowie Laichgewässer angegliedert werden.

2.    „Broicher Bend“: Die Wiederherstellung des natürlichen Überschwemmungs-raumes ist durch Ausbaggern und Beseitigung des Abfallgutes nötig. Diese Retentionszone könnte wie früher ein bedeutendes Rückhaltevermögen leisten, wenn man bedenkt, dass allein der momentane Kippkörper die Ausmaße von etwa 150 x 30 x 3 Meter beträgt.

3.    Die mit Bauschutt verfüllte Feuchtwiese an der Alten Kläranlage Broich ist auszubaggern. Der Bach kann von der Brücke (Einlauf) her durch diesen Bereich ohne Schwierigkeiten in sein noch gut erkennbares altes Bett (Brücke Auslauf) geführt werden. Im weiteren Verlauf Richtung Broicher Weiher sind die Platten zu beseitigen und der Bach in eine mäandrierenden Hauptlauf zu bringen. Stellenweises Verbreitern des Bachbettes auf etwa 6 Meter, durch Kiesinseln und große Steinpackungen in mehrere Arme aufgeteilt, dient der Energievernichtung. Anlegen von vegetationsfreien Steilufern (Eisvogel!) und Tiefwasserzonen (Überlebensraum für Fische in Trockenzeiten) bieten sich hier an. Die sonstigen Uferbereiche sollten mit Erlen bepflanzt werden. Der Damm zum benachbarten Auwald ist zu erhalten. Der Hochwasserschutz der Broicher Mühle ist durch Neubau einer Brücke (Rohrerneuerung) notwendig. Die Renaturierung des Broicher Weihers ist anzustreben.

4.    Die Ausweisung von zusätzlichen Pufferzonen zu den Landwirtschaftsflächen sowie die Auflösung des Maisfeldes ist dringend erforderlich. Hier besteht eine natürliche Retentionszone, verstärkt durch die Stauwirkung des Bahndammes, welche eines technischen Ausbaues nicht bedarf! Im Bereich Kellersberger Forsthaus / Mühle kann die Wiese an der Dorfstraße als natürlicher Rückhaltebereich wiederhergestellt werden, wenn nicht gar die Aufhebung der Verkippungen (Trockenlegungsmaßnahmen) des Mühlweihers (und seines Umfeldes) zu fordern ist.

5.    Die Steinbefestigung ist hier zu beseitigen. Am nördlichen Ufer sind Mäander wiederherzustellen. Unterhalb des Hundeweiher-Auslaufes könnte eine Optimierung durch teichähnliche Tiefenwasser-Zonen erreicht werden.

6.    Die Ausmauerung des Bachbettes ist aufzuheben; vor der Hängebrücke (Spielplatz) sollte eine Tiefenwasserzone mit Prallsteinen geschaffen werden. Auch hier muss das nördliche Ufer wieder Mäander erhalten. Die untypischen Birken und Fichten sind durch Weiden und Erlen zu ersetzen. – Zwischen Winkensmühle und Eingang Schlosspark Ottenfeld bietet sich die Gelegenheit, Bachschlingen in das südliche Ufer zu legen. Der Bach selbst ist durch große Steine in mehrere Arme aufzuteilen. – Im Bereich Schlosspark sind Optimierungen möglich: Zur Beseitigung des steilen Geländeeinschnittes sind Flachwasserzonen mit kleinen Wasserfällen erforderlich. Am unmittelbaren Fuß der jeweiligen Fälle können dagegen Tiefwasserabschnitte zur Energiedrosselung beitragen. Bei der Aufteilung des Baches sollten auch tote Arme berücksichtigt werden, welche sich nur bei Hochwasser füllen. – Zwischen Straße Duffesheide und Römergasse ist das Steinbett zu beseitigen. Die Bachsohle sollte angehoben werden. Zusätzliche Maßnahme ist die Anlage einer Tiefwasserzone 20 Meter westlich der Brücke von Duffesheide. Im Bachbett selbst werden größere Steine verteilt.

7.    Die Sumpfbereiche im nördlichen Bereich (gegenüber NSG) sind durch Ausbaggern wiederherzustellen. Das Bachbett ist zu erweitern, der Bachlauf in großzügigen Mäandern  mit Seitenarmen zu gestalten. Die Beseitigung der 1983 ausgeführten Uferbefestigung versteht sich von selbst.

8.    Auch hier ist die bei der Kanalverlegung angebrachte Steinvermauerung zu entfernen. – Im nördlichen Ufer kann der Bach ausgedehnte Mäander erhalten. Der auf Bauschuttverfüllung wachsende Fichten-/Pappel-Forst ist zu roden, das verkippte Material auszubaggern. Wir sind uns dessen bewusst, dass dies die unpopulärste Maßnahme sein wird! Allerdings tritt nach unserer Vorstellung an die Stelle eines ökologisch minderwertigen Forstes ein wertvolles Feuchtgebiet mit enormer Retentionswirkung: eine weitläufige, inselreiche Sumpfzone mit Auwaldbereichen und vielen toten Armen. Eine Kette mit Ton abgedichteter Tümpel sollte die Wässer der Hangquellen aufnehmen. Hier sind auch Steilwandbereiche möglich (Eisvogel/Uferschwalbe).

 

Vorteile der Renaturierung

 

Positive Ergebnisse der Renaturierungsmaßnahmen werden sein:

 

  • Wirksamer Hochwasserschutz ohne Gefährdung der bachabwärts gelegenen Auwaldbereiche, wie sie durch den Bau von künstlichen Rückhaltebecken gegeben wäre (ausbleibende Überflutung)
  • Neuschaffung von Feuchtgebieten als Biotop-Verbund für zahlreiche stark bedrohte Pflanzen- und Tierarten
  • Herabsetzung der enormen Wasserbelastung (Kreis Aachen ist Schlusslicht in der BRD!)
  • Verbesserung des Mikroklimas
  • Wiederherstellung bedeutender Landschaftselemente in der ansonsten an Naturräumen armen Bördenzone
  • Steigerung der Wohnraumqualität für die Menschen der Region (eingeschränkte Naherholung).

 

Schlussbemerkungen


Die in diesem Bericht wiedergegebenen Vorschläge entsprechen nicht den üblichen Vorstellungen von Wasserverbänden, was den naturnahen Bachausbau betrifft (Bach in Schleifen, aber ansonsten Befestigung mit Natursteinen).

Auch sind die Nebenbäche in jedem Fall mit einzubeziehen, zum Beispiel

  • Siefenbach (Aufhebung der Begradigung in Höhe Mariadorfer Angelteiche)
  • Euchener Bach (bisher verrohrt oder kanalisiert)
  • Schleibach (über weite Strecken verrohrt). ...

Werden die angeregten, umfangreichen Maßnahmen realisiert, dürfte sich der  Bau weiterer Rückhaltebecken erübrigen, zumal zum Beispiel die Angaben des zuständigen Wasserverbandes zum „Normal“-Einlauf am RHB Herzogenrath die Messergebnisse von Mitgliedern der DBV-Ortsgruppe Alsdorf (bei anhaltendem Regenwetter) um das 10fache übersteigen (1988)! Aber Rückhaltebecken werden ja auf ominöse Jahrhundert-Ereignisse hin konzipiert...

Die Finanzierung der Renaturierung ist ausreichend gesichert. Der Verzicht auf den Bau von RHB, die Tatsache, dass sich viele beanspruchte Flächen bereits im Besitz des Wasserverbandes befinden, sowie die öffentlichen Mittel, welche für derartige Maßnahmen zur Verfügung stehen, dürften den Kostenrahmen in erträglichen Grenzen halten.

Die Durchführung der Renaturierung sichert zudem auf Jahre hinaus im Revier dringend benötigte Arbeitsplätze.

 

Ist die Renaturierung des Broichbachtales wirklich utopisch?

Wir meinen: Nein! Sie ist eine unumgängliche Notwendigkeit! 


© Gruppe Broichbachtal 1988 / 2003