Streuobstwiesen

(Internetversion)

 

von Wolfgang Voigt

 

Einleitung

 

Obstwiesen sind seit dem Mittelalter Bestandteil der Kulturlandschaft, zu finden als breiter Grüngürtel um die Ortschaften.

Obstwiesen gehören zu den Beispielen für sogenannte Sekundärbiotope (Lebensraum aus zweiter Hand), vom Menschen zum Eigenzweck geschaffen, von der Natur mit der Zeit erobert.

Obstwiesen haben sich bei der zunehmenden Zersiedelung und Versiegelung der freien Landschaften zu wichtigen Refugien (Rückzugsgebieten) für bedrohte Tier- und Pflanzenarten entwickelt, heute vergleichbar Garten- und Parkanlagen, Brachflächen, aufgelassenen Sand-, Kies- und Tongruben, Steinbrüchen, Halden und anderen anthropogenen Biotopen.

Wo die Obstbestände entfernt von Ortschaften über die Landschaft verteilt vorkommen, spricht man von Streuobstwiesen. (Andere Worterklärung: Das in den Wiesen geerntete Heu wird als Einstreu in den Ställen verwendet.) Sie sind überlebenssichernde Trittsteine für Fauna und Flora im Sinne der Biotop-Vernetzung.

Obstwiesen sind auch ein Beispiel für bedrohten Lebensraum, bedroht vor allem durch ökonomisch bestimmte Strategien-

Im vorliegenden Bericht sollen in kurzer Darstellung die ökologische Bedeutung, die Ursachen für den Rückgang und die Zukunftsperspektiven dieser Lebensräume beleuchtet werden.

 

Historisches

 

Die Wildformen unserer Obstbäume (Holzapfel, Holzbirne, Vogelkirsche und Wildzwetschge) stammen aus dem östlichen Mittelmeergebiet. In Mitteleuropa findet man sie seit der Jungsteinzeit (Zeit der Pfahlbauer). Griechen und Römer kultivierten und züchteten Pflanzen, welche sich bereits durch große und saftige Früchte auszeichneten. Im Mittelalter besorgten dies vor allem die Mönche in den Klöstern. Damals standen die Bäume allerdings noch in umfriedeten Gärten. im 14. und 15. Jahrhundert wurden dann erste „Bomgarten“ am Rande der Dörfer angepflanzt. Die Nähe zum Siedlungsbereich ist wohl so zu erklären, dass die Hochstammbäume im Grünland zunächst dem Zwecke der Selbstversorgung dienten. Gleichzeitig war in den Flächen die Beweidung der Wiesen möglich, die Bäume spendeten Schatten für das Vieh. Schnell wurden weitere Vorteile wie Windschutzfunktion, Kleinklimaverbesserung und Erosionsschutz erkannt. Durch den jährlich notwendigen Pflegeschnitt fiel Brenn- und Schnitzholz an.

Lange Zeit war diese Form des Obstanbaus, die auf jede intensive Pflege verzichtete, so lukrativ, dass über die Eigennutzung hinaus ein ausgedehnter Markt erschlossen werden konnte.

Obstwiesen wurden zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für viele Klein- und Mittelbetriebe, welche Saft herstellten und in umweltfreundliche Leihflaschen abfüllten.

Überall, wo die durchschnittliche Jahres-Niederschlagsmenge um 700 mm lag oder der Grundwasserstand entsprechend hoch ar, gediehen diese Obstwiesen so vorzüglich, dass sie, vor allem am Fuße der Mittelgebirge, zu einem prägenden Element der Kulturlandschaft wurden.

 

Ursachen für den Rückgang

 

Europaweit gehen die Obstwiesen-Bestände seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dramatisch zurück.

Moderne Obstanbau-Methoden wurden zunehmend gefördert. Es gab sogar öffentliche Gelder für Obstwiesen-Rodungen, um die „minderwertigen“ Früchte vom Markt zu drängen. Folge war aber auch, dass die Besitzer eine wirtschaftliche Nutzung nicht mehr anstrebten, wodurch die Pflege und die rechtzeitige Nachpflanzung zwecks Verjüngung nicht mehr durchgeführt wurden.

Wo Obstwiesen nicht durch Landwirtschaftsflächen ersetzt wurden, gerieten sie als „Unland“ immer mehr in die Kalkulation von Städteplanern, Verkehrsstrategen und Flurbereinigern.

Dem Versuch, der sogenannten Landflucht de Ausweisung von Industriegeländen und Gewerbegebieten entgegenzusetzen, wurden zahlreiche gewachsene Grüngürtel in Ortsnähe geopfert.

Auch die Expansion der Siedlungen in die Randbereiche hinein („Bauen auf der grünen Wiese“) ist Ursache für den Rückgang der Obstwiesenbestände.

Vor allem für Ortsumgehungen wurden und werden viele dieser Lebensräume beseitigt, unter dem Aspekt der sogenannten Wohnumfeld-„Verbesserung“.

Obwohl nicht nur von Naturschützern die ökologische Bedeutung erkannt ist, obwohl bis hin zu Umweltministerien der Erhalt gefordert und gelegentlich sogar gefördert wird, überziehen nach wie vor kommunale Bebauungspläne diese schützenswerte Bereich, als wären sie nicht vorhanden.

 

Ökologische Bedeutung der Streuobstwiesen

 

In den Obstwiesen leben bis zu 1.000 Arten von Gliedertieren, angeführt von der großen Gruppe der Insekten, gefolgt von den Spinnen. Dem Gartenfreund wird ob dieser Zahl angst und bange. Ihm sei verraten, dass zum Beispiel den 300 Arten, welche auf den Apfelbaum spezialisiert und damit größtenteils sogenannte „Schädlinge“ sind, über 400 natürliche Feinde entgegenstehen., jeweils zur Hälfte unmittelbare Vertilger oder Parasiten (Schmarotzer). Dies ist der Grund dafür, dass Obstwiesen früh zum Forschungsobjekt der biologischen Schädlingsbekämpfung geworden sind. Hier findet man ein klassisches Beispiel für die Selbstregulation innerhalb der Tierwelt, sozusagen vor der Haustüre.

Bei der Artenvielfalt innerhalb der Wirbellosen verwundert es nicht, dass auch zahlreiche Wirbeltier, allen voran die Vögel, hier ihren Nahrungs- und überwiegend auch Brutraum haben.

 

An einigen ausgewählten Beispielen soll im folgenden die Vernetzung der Arten angesprochen werden.

 

Fauna der Streuobstwiesen (Tierwelt)

 

Wenn auch eine Verjüngung der Obstbaumbestände gelegentlich angezeigt erscheint, so sollten doch einige vergreiste Exemplare möglichst lange stehen bleiben: Hier zimmern Spechtarten ihre Wohnstuben, indem sie Höhlen in die morschen Stämme meißeln. Werden diese später verlassen, so profitieren davon Baumfledermäuse und Sekundär-Höhlenbrüter.

Hohlräume, welche sich an ausfaulenden Schnittstellen bilden, bieten dem 22 Zentimeter kleinen Steinkauz Wohnraum. Auch die Freibrüter finden gute Deckung im dichten Laubwerk der Hochstämme.

Wird höchstens zweimal im Jahr die Wiese zwecks Heugewinnung gemäht (fette Wiese: Juni und vor der Ernte; magere Wiese: Juni/Juli), haben auch Bodenbrüter wie Goldammer und Baumpieper Brutnischen.

Anders als im Wald fehlt in den Obstwiesen eine Strauchschicht, weswegen die Bäume einen optimalen Ansitzplatz für Mäusebussard und Rotkopfwürger bieten. Hier wie dort suchen Gartenbaumläufer die rissige Borke nach Kerbtieren ab, Meisen klettern durch das Geäst und sammeln Blattkäfer und Raupen.

Während die Blüten im Frühjahr eine reiche Bienenweide darstellen, sind die Früchte Nahrungsgrundlage für Raupen und Maden, welche wiederum durch Larven von Schlupfwespen von innen leergefressen werden.

Wo abgeschnittene Äste aufgehäuft werden, stellt sich der Igel ein. Er dehnt, wie andere „Nützlinge“, seine Streifzüge auch in umliegende Landwirtschaftsflächen aus. Gartenschläfer und Marder sind im Kronenbereich anzutreffen.

 

Flora der Streuobstweisen (Pflanzenwelt)

 

Die Entwicklung der Flora hängt in erster Linie von der Art der Wiesennutzung ab. Dient die Fläche auch der Heugewinnung, so kann sich mit der Zeit eine reichhaltige Wildblumenwiese entwickeln, je nach Boden und Wasserführung sogar durchmischt mit seltenen, bedrohten Arten. Blütenreiche Magerwiesen und artenreiche Glatthaferwiesen sind am weitesten verbreitet.

Die echten Raritäten in diesem Lebensraum sind allerdings eher unscheinbar: seltene Baumflechten (Krusten- und Blattflechten), welche auf der Rinde siedeln und nach etwa 10 bis 20 Jahren ihr bestes Wuchsstadium erreichen.

Eine weitere bedrohte Art, die hier vorkommt, ist die Mistel, ein epiphytischer Halbschmarotzer, welcher auf den Bäumen sitzt und mit Senkwurzeln deren Leitgefäße anzapft. Andernorts wird ihr Wachstum daher aus forstwirtschaftlichen oder anderen Nutzungsgründen meist verhindert.

 

Lebensraum mit Zukunft?

 

Vor allem wegen der ökologischen Bedeutung der Obstwiesen müssen letzte Restbestände unbedingt erhalten und durch Pflege und Zupflanzung revitalisiert werden. Hier sind der ehrenamtliche Naturschutz, aber auch Behörden und Kommunalverwaltungen gefordert.

 

Jeder Bürger kann zur Erhaltung dieser Lebensräume durch Änderung seiner Konsum-Gewohnheiten beitragen:

 

Verminderter Verzehr exotischer Früchte und Süß-Getränke, gezielter Kauf von Säften aus Keltereien, Verzicht auf Tafelobst aus Plantagen, Bevorzugung der Sorten aus Streuobstwiesen.

 

Die Aktion der Naturschutzjugend im NABU („Mosttrinker sind Naturschützer“) ist ebenfalls ein Weg in diese Richtung. Schließlich gehören „Moschd“, „Äppelwoi“ und Cidre längst nicht mehr nur zu regionalspezifischer Trinkkultur. Verkaufsaktionen von Früchten aus Streuobstwiesen (BUND Alsdorf) können Verbraucher vom Wohlgeschmack überzeugen helfen.

 

Sollte eine Verhaltensänderung bei den Konsumenten möglich sein, macht die Neuanlage von Streuobstwiesen auch aus ökologischen Gründen (wieder) Sinn.

 

Im Rahmen der „IV. Alsdorfer Naturschutztage“ sollte diesbezüglich 1990 ein Neuanfang versucht werden...

 

© Gruppe Broichbachtal 1990 / 2001